[IFA] [Medienwoche] Nachlese, die elfte: Mehr oder weniger Rundfunk, ein unauffälliger Herr Schmidt und die Fernsehnutzung in der Zukunft

14. Oktober 2010 | by Gerhard Bachleitner

IFA Nachlese, die fünfte: Medienwoche Rundfunk, ein unauffälliger Herr Schmidt und die Fernsehnutzung in der ZukunftDer Kongress Medienwoche: Rundfunk in Deutschland – mehr oder weniger.

Die Eröffnung der Medienwoche zeigte das ganze Spektrum medialer Realität, von der rechtsphilosophischen Reflexion der ehemaligen Verfassungsrichterin Prof. Dr. Jutta Limbach über politisch-gesellschaftliche Strategieüberlegungen bis zum technisch fragilen Versuch, über Skype eine Videokonferenz mit der in London verbliebenen BBC-Referentin Caroline Thomson abzuhalten.

Zwar fiel die Bildqualität in der Projektion gar nicht so schlecht aus, aber die Referentin hatte kein Bild aus Berlin, und die Verbindung brach auch einmal aus unbekannten Gründen ab. Mit der perfekt vernetzten Kommunikationswelt, wie sie seit Jahren propagiert wird, ist es also nicht so weit her.

Das Motto Less is more?, auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gemünzt, wollte als mutige Strategiekorrektur verstanden, aber den Mut, in deutlichem Deutsch Weniger ist mehr zu sagen, hatte man dann doch nicht. Weniger sollte hier der gebührenfinanzierte Rundfunk werden, ein Dauerthema aller Medienkongresse seit 20 Jahren. Weniger Anstalten, weniger Kanäle, weniger Mediathek, weniger Internet.

Auch die britische BBC als Modell des deutschen Rundfunks ist unter Rechtfertigungsdruck geraten, aber was Caroline Thomson den deutschen Kollegen empfehlen konnte, war weder neu noch angenehm. Immerhin stellte die deutsche Diskussionsrunde übereinstimmend fest, dass der inzwischen eingeführte Dreistufentest ein fragwürdiges bürokratisches Monstrum sei, mit dem keinem gedient sei. Die ARD, Dagmar Reim, RBB, bestand auf ihrer Bestands- und Entwicklungsgarantie, Christoph Keese von Verlagsseite, Springer, bestand auf der Notwendigkeit, mit Inhalten Geld zu verdienen, und die Politik, Marc Jan Eumann, Staatskanzlei NRW, bestand auf dem Auftrag, zwischen den Beteiligten zu vermitteln und Recht zu setzen.

Ein unauffälliger Herr Schmidt kommt zu Besuch

Die Medienwoche stand stramm vor den neuen Organisatoren des digitalen Lebens, dem Hardwarehersteller mit dem Apfel-Logo und der ubiquitären Suchmaschine Google und ihrem Leiter, Dr. Eric Schmidt. Das Programm der Medienwoche wurde im I-Pad-Format gedruckt, als ob dies die künftig übliche Darreichungsform für gedruckte Inhalte wäre. Schmidts Vortrag im Rahmen der „Keynotes“ wurde in der Mittagspause der Medienwoche ins ICC übertragen, die dort Anwesenden, die das Essen zu sich nehmen wollten, aber bis zum Ende von Schmidts Rede daran gehindert.

Offenbar erwartete man von Schmidt das Evangelium des vernetzten Lebens, und tatsächlich bot er die gleichen Seifenblasen, die vor ihm schon M. Minsky, B. Gates, R. Kurzweil u.a. von sich gegeben haben: alles wird digital, alles wird schnell und mobil, alles wird gut. Oder im futurologischen O-Ton: „Die Zukunft ist für uns alle jetzt schon verfügbar“. Dazu noch eine freundlich gemeinte Nachsicht gegenüber der deutschen Datenschutzempfindlichkeit, denn offenbar haben ihm seine Berater (oder vielleicht eine App auf seinem Android-Smartphone) gesagt, dass die Deutschen mit einem Überwachungsstaat einen Weltkrieg verloren haben und eine Nachfolgediktatur daran zugrunde gegangen ist.

In der Sache blieb Schmidt freilich unnachgiebig: Abfrage und Offenlegung von Nutzerdaten sind/seien auch im Interesse des Nutzers. Naiv unterstellte er, der Nutzer sei dankbar dafür, wenn „seine Freunde“ oder sein Auto wüssten, wo er sich gerade befinde und mit welchem Ziel er unterwegs sei.

Für Schmidt gilt: mobile first, was aber nur heißt: möglichst viele lokale IT-Funktionen ins Netz zu verlagern. Den Widersinn dieser Strategie offenbarte Schmidt bei der Präsentation eines mobilen Dienstes für Spracherkennung und Dolmetschen. Abgesehen davon, dass die deutsche Spracherkennung wie immer fehlerhaft war, ist nicht einzusehen, weshalb die Rechenleistung aus dem Netz geholt wird, da doch die Smartphones fortwährend mehr Rechenleistung eingebaut bekommen.

Auch bei einem simplen Stadtführer gab sich Google eine Blöße, denn die gesprochene Frage nach einem Museum mit ägyptischem Bestand wurde mit einem Hinweis auf das Pergamon-Museum beantwortet. Wie Berliner und Kunstliebhaber wissen, ist dies jedoch falsch. Den hierzulande gerichtsnotorischen Dienst Street View führte Schmidt naheliegenderweise nicht mit einer deutschen Stadt, sondern unverfänglich mit Florenz und seinen Kunstschätzen vor.

Google adaptiert das zuerst vom Mobilfunk, dann von Apple vorgetragene Mobilitätsparadigma im selben Maße, als das Internet mobil wird, folgt also mit seinen Diensten dem Nutzer auf die Mobilgeräte. Dies folgt einer ökonomischen Logik. Der lokal tätige PC-Nutzer ist nach außen anonym und unsichtbar, kommerziell nicht verwertbar. Erst mit dem Eintritt ins Netz wird er sichtbar, d.h. adressier- und durchsuchbar, und mit dem Eintritt ins Funknetz wird er ortbar. Man holt ihn gewissermaßen auf öffentliche Straßen, kann Maut erheben und ihn genau beobachten.

Auch eine andere Begründungsfigur in Schmidts schöner neuer Netz- und Echtzeitwelt hat einen einfachen ökonomischen Hintergrund. Als guter Amerikaner verkauft er sein Such- und Datenerfassungsimperium als Demokratisierung der Wissensgesellschaft, d.h. als Demokratisierung überhaupt. Wissensrestriktionen und Bildungshürden müsse es nicht mehr geben, allen stehe alles Wissen offen. Dahinter steht aber lediglich Googles Einsicht in den Netzwerkeffekt und das Bedürfnis, möglichst große Massen für digitales Informationsmanagement zu gewinnen, um eine möglichst breite Geschäftsgrundlage zu bekommen.

Dass mit der gerade eben neu eingeführten Sofortsuche Googles, die bereits während der Eingabe Ergebnisse liefern zu müssen glaubt, eine Menge überflüssiger Netzverkehr verursacht wird – den einschlägig orientierte Zeitgenossen gleich in CO2-Belastung umzurechnen pflegen -, war hier kein Thema, nicht zu reden von der in diesem neuen Angeboten steckenden monströsen Anmaßung, den Nutzer besser verstehen zu wollen, als er sich selbst versteht. Offenbar hat Google hier den Nutzungsfall Smartphone im Kopf, wo man um jeden nicht zu tippenden Buchstaben froh und um eine Vorsortierung des Suchuniversums dankbar ist.

Google TV Eric Schmidt IFA

Kein Thema außerdem eine Verbesserung der Suchergebnisse, die ja nach wie vor weit mehr Spreu als Weizen enthalten und die simpelsten Nutzervorgaben ignorieren; statt dessen nur der Hinweis auf die bekannten themenbezogenen Varianten der Google-Suche.
Ebenso wurde der Frontalangriff auf das klassische lineare Fernsehen mit Google TV, das bisher auf Amerika beschränkt ist, noch nicht als Bedrohung empfunden, obwohl er ja die europäischen und speziell deutschen Bemühungen um die offene Plattform HbbTV geradezu niedlich aussehen lässt.

Dass Google für Google TV auch die Netzneutralität opfert, sollte Grund für einen Aufschrei sein – aber weil von einflussreichen Marktteilnehmern seit längerem Offenheit und Konkurrenz vermieden und Ungleichheit als normal dargestellt wird, lassen sich die Nutzer von den bunten Luftballons digitaler Verheißungen verführen. Google TV ist von der Videoplattform Youtube her gedacht. Traditionelles, lineares Fernsehen sieht hier wie ein Echtzeit-Spezialfall von Youtube aus, die hiesigen öffentlich-rechtlichen Mediatheken wie ein minimaler, „proprietärer“ Ausschnitt aus dem Videoarchiv Youtube. .

Fernsehnutzung in der Zukunft

Ein anderer Fall von Beflissenheit war in der Podiumsdiskussion Fernsehen und Internet – Welche Geschäftsmodelle setzen sich durch? zu beobachten. Hier wurde der Sohn des RTL-Technikverantwortlichen Jürgen Sewczyk als Angehöriger der jungen Generation nach seinen medialen Gewohnheiten befragt, als ob man daraus hätte entnehmen können, in welche Richtung die traditionellen Medien weiterzuentwickeln wären. Wer hier ein Generationsportrait erwarten mochte, hätte freilich einen Kurzschluss begangen, denn dieser Abiturient wächst in einem stark technikaffinen Haushalt auf, und Technikaffinität in Verbindung mit genügend finanziellen Ressourcen ermöglichen eben jenen Lebensstil, der älteren Erwachsenen so exotisch oder gruselig erscheinen mag, aber vom Lebensalter erst einmal unabhängig ist.

Abgesehen von der Altbekanntheit der naiven Zeitsouveränitätspropaganda Werden Sie ihr eigener Programmdirektor, die man seit der Einführung des Videorekorders in den 70er Jahren immer wieder von neuem hört und die jetzt die neuerdings über HbbTV nutzbaren Mediatheken begleitet, ist auch die Vernetzungsverheißung von HbbTV recht illusionär. Dr. Gerhard Schaas, Loewe, mokierte sich in der selben Diskussion über den hochstilisierten roten Knopf, neudeutsch red button, der meist nicht zu einer sendungs- oder themenspezifischen URL, sondern lediglich zur Hauptseite des Senders führe. Vom Videotext und den beklagenswert schlecht ausgestatteten SI-Daten in DVB und selbst noch von den miserablen Suchfunktionen auf den eigenen Web-Portalen wissen wir, dass die Sender die mit Informationsmanagement verbundene Arbeit scheuen, und so werden sie auch die mit HbbTV gebotenen Möglichkeiten nicht angemessen nutzen.

Das gilt noch mehr für die Privatsender, die mit dem neuen Dienst keineswegs bessere Information an den Zuschauer bringen werden, sondern sich hauptsächlich über den durch den Internetrückkanal zumindest indirekt möglichen Kundenkontakt freuen und eine Art Adressierbarkeit nutzen. Schaas wies in kluger Vorausschau auf die sich verbreiternde Gerätepalette hin, wo vom Smartphone über I-Pads, Netbooks und Notebooks bis zum großen Wandbildschirm alles Gerät Fernsehen wiedergeben kann. Was HbbTV an Zusatzinformation aus dem Internet holt und auf den Fernseher bringt, könne der Zuschauer ebenso gut mit einem iPad in der Hand abrufen.

Hier wird deutlich, was es bedeutet, dass im Digitaluniversum der Datenstrom universell ist: herkömmliche Dienste oder Geräteklassen sind willkürlich oder beliebig. Oder anders gesagt: der Aufwand, Internet in den Fernseher zu bringen, könnte sich langfristig als überflüssig erweisen, weil der Nutzen des Internets auf anderen Geräten in der selben Nutzungssituation leichter und flexibler erreichbar ist. Sebastians Sewczyks schon zu Diskussionsbeginn geäußerte Abneigung, Internet im Fernseher nutzen zu sollen, könnte bereits diese Nutzungszukunft repräsentieren.

[Photos: Caroline Thomson, medienwoche@IFA 2010; Google-CEO Eric Schmidt, Messe Berlin]

Alle Artikel der IFA-Nachlese-Serie von Gerhard Bachleitner findet Ihr hier bei TechFieber.

>> Alle Artikel zum „Schwerpunkt IFA“ und zum „Schwerpunkt TV2.0“ bei TechFieber

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Kommentare (2)

  1. Sebastian says:

    Hallo Herr Bachleitner,
    danke für Ihren Artikel zur IFA Medienwoche!
    Eric Schmidt ist CFR UND Bilderberg-Mitglied:
    http://www.cfr.org/bios/13037/eric_schmidt.html
    http://www.bilderbergmeetings.org/participants_2010.html
    Google hat eine „marktbeherrschende Stellung“, und zwar weltweit.
    Das ist Alarmstufe 1 für unsere Demokratien.
    Solange Google&Co marktbeherrschend ist, kann entweder Zensur im Hinterzimmer eingeführt werden oder über die EU.
    Ich hatte gestern eine gute Idee:
    Suchmaschinen und „Youtubes“ pro Land (nach TLD / IP-Zonen),
    damit das Land selbst (z.B. Deutschland) über Zensur oder nicht entscheiden kann.
    Vielleicht sollten wir etwas auf die Beine stellen, um für diese Idee zu werben?
    mit freundlichem Gruss
    Sebastian Heimpel M.A.

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