Facebook bezahlt Minderjährige für Zugriff auf persönliche Daten

Und wieder ein neuer Skandal bei Facebook: Über eine «Forschungs»-App hat das soziale Netzwerk Jugendliche ab 13 Jahren für detaillierte Einblicke in ihr digitales Privatleben bezahlt – und sieht darin kein Problem. Die Aktion zeigt jedoch, dass Facebook sich verzweifelt um junge Leute bemüht.

Immer mehr Kinder und Jugendliche drängen ins Internet. Studien zufolge nutzen bereits 35 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen regelmässig das Internet, 14 Prozent von ihnen sind fast täglich online. Die heute 14- bis 24-Jährigen sind die erste Generation, in der alle online sind und das täglich und meist mobil.

Besonders populär bei den Youngsters sind soziale Medien und Online-Dienste wie Snapchat, Instagram, Twitter, Youtube oder etwa die Lip-Sync-App TikTok (vormals Music.ly).

Teens finden Facebook uncool

Das bis dato weltgrösste soziale Netzwerk, Facebook finden junge Leuten dagegen zunehmend uncool. Facebook ist längst die Kommunikationsplattform der Elterngeneration oder gar das favorisierte Netzwerk der Grosseltern. Jugendliche verlassen Facebook in den letzten Jahren in Heerscharen – oder sie melden sich erst gar nicht bei der Plattform an.

Entsprechend gibt sich das von Mark Zuckerberg gegründete Unternehmen sehr viel Mühe zu erkennen, wie diese von der Werbewirtschaft ganz besonders umworbenen junge Zielgruppe tickt.

Dafür lancierte die Web-Company mit der «Facebook Research»-App sogar ein Programm, um detaillierte Einblicke in das Online-Nutzungsverhalten von Menschen zwischen 13 und 35 Jahren zu erhalten. Für 20 Dollar im Monat legen Nutzer der «Forschungs»-Applikation für Smartphones quasi ihr gesamtes Online-Leben für Facebook offen.

Zugriff auf alle Daten!

Über die auf dem Nutzer-Handy installierte App kann das Unternehmen beispielsweise auf alle privaten Chats, versendete oder gepostete Fotos beziehungsweise Videos, Adressen besuchter Webseiten und auch Daten aus Websuchen und Lokalisierungsdiensten zugreifen. Teilweise werden Teilnehmer des Programms sogar dazu aufgefordert, Einblicke in ihre Einkaufliste beim Web-Händler Amazon zu gewähren.

Während Datenschutz-Experten in aller Welt mit Stirnrunzeln reagieren, findet Facebook diese Praxis nicht problematisch. Gegenüber dem US-Techmagazin «Techcrunch», das die Vorgehensweise publik machte, betonte die Silicon-Valley-Firma, dass die App «nichts mit Spionage zu habe» und nur Daten zu Online-Gewohnheiten sammle sowie die Nutzer dieser Datenauswertung explizit zugestimmt hätten.

Weniger als „fünf Prozent“minderjährig?

Zudem verweist das Social Network darauf, dass bei minderjährigen Teilnehmern die Zustimmung der Eltern eingefordert werde. Facebook-Sprechern zufolge seien weniger als fünf Prozent der Teilnehmer minderjährig.Wie hoch die Zahl der teilnehmenden Jugendlichen unter 18 tatsächlich ist, wurde nicht genannt. Bekannt ist dagegen, dass Facebook in Online-Werbeschaltungen gezielt Tester in der Altersgruppe zwischen 13 bis 17 Jahren für «paid social media research study» angeworben hat. Fraglich ist auch, inwieweit den Usern der Umfang ihrer Forschungshilfe bewusst ist.

iPhone-Version gelöscht – auf Druck von Apple?

Nichtsdestotrotz hat Facebook die «Research App» jetzt teilweise eingestellt – zumindest die Version für das Apple-Betriebssystem iOS. Insider gehen davon aus, dass dieser Rückzug jedoch weniger im Zuge der wachsenden öffentlichen Kritik erfolgte, sondern insbesondere auf Druck von Erzrivale Apple. Es liegt der Verdacht in der Luft, Facebook habe die kontroverse App an Apples Kontrollen vorbeigeschleust und Datenschutz-Regeln des Apple-App-Stores umgangen.

Die Android-Version der «Forschungs-App» wird weiter eingesetzt.

Facebook tut sich damit sicher keinen Gefallen im Wettbewerb um die Gunst der jungen Zielgruppe. Der Online-Riese steht nicht nur wegen der nun bekannt gewordenen Datensammelei bei Teenagern in der Kritik.

Auch die Weitergabe von Nutzerdaten, der Skandal um Cambridge Analytica oder die Beeinflussung von Wählern durch Facebook-Aktivitäten von Russland sowie der Missbrauch der Plattform zur Verbreitung von Fake-News stösst vielen jungen Menschen bitter auf.

Foto: Facebook/matt-harnack

 

 

 

 

 

 

 

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.