[Feature] Mobil-Computer statt Drahtbügel: Auto-Diebe setzen mehr und mehr auf Hightech

11. Mai 2010 | by TechFieber.de

Autodiebe, so wie wir sie kennen, sind lichtscheues Gesindel. Sie arbeiten im Schutz der Dunkelheit abseits der Straßenlaternen, haben Sturmhauben überm Gesicht und hantieren mit Metall-Kleiderbügeln.

Damit lassen sich trefflich Fahrzeugtüren öffnen. Allerdings ist dieser Kriminelle von Gestern: Der moderne vertraut vornehmlich auf elektronische Hilfsmittel. Mit ihnen kann er Fernbedienungen stören und sogar das digitale Wissen von Schlüsseln kopieren. Inzwischen haben die Langfinger so viele Tricks drauf, dass Experten mit bald wieder kräftig steigenden Diebstahlszahlen rechnen.

In den vergangenen Jahrzehnten sah es für den Autodieb nicht gut aus. Denn der Durchschnittskriminelle tat sich schwer, mit den neuen Zeiten mitzuhalten. Der Kleiderbügel hatte nicht mehr viel zu melden, und ein elektronisch gesichertes Auto weigerte sich standhaft, durch herkömmliche Methoden wie Kurzschließen in Gang gesetzt zu werden.

Das zeigte sich in den Zahlen. So registrierte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) im Jahr 1993 den Rekord von 105 543 Diebstählen kaskoversicherter Personenwagen. Danach sanken die Zahlen – erst recht langsam, dann immer stärker. Im Jahr 2000 wurden 42 560 vermerkt, 2008 waren es nur noch 16 134. Das war vor allem den auf herkömmlichem Weg kaum zu knackenden Wegfahrsperren zu verdanken. Einfach losfahren ging kaum noch. Wenn schon, dann mussten Profis ran, die ein Auto per Lkw abtransportierten – gerne auch ins Ausland.

Aber der Mensch ist lernfähig, auch der kriminelle. Dabei geht es nicht nur um das Entwenden des kompletten Wagens, sondern auch um das unauffällige Abräumen wertvoller Gegenstände bis hin zu Radio und Navi. Seit einigen Jahren wird hier ein Vorgehen registriert, das den Autobesitzer zunächst ratlos lässt: Das abgeschlossen geglaubte Auto ist plötzlich nicht mehr zu, dafür aber ausgeräumt – und Spuren gibt es keine.

Diese Technik ist für Fachleute schon fast ein alter Hut. Dahinter verbirgt sich ein Störsignal, das der Kriminelle auf Knopfdruck mit einem Gerät sendet, wenn ein Autofahrer die Türen per Fernbedienung der Zentralverriegelung verschließen will. «Dann werden vom Fahrzeug die richtigen Signale nicht erkannt», erläutert Dekra-Experte Hans-Otto Staubach. Die Zentralverriegelung reagiert nicht auf den Befehl, die Türen bleiben trotz des Knopfdrucks auf die Fernbedienung offen. Und ist der Besitzer weg, kann der Dieb den Wagen ausräumen, ohne die geringste Spur zurückzulassen.

Umsichtige Fahrer mögen zwar darauf achten, ob ihr Wagen auf den Fernbedienungs-Befehl mit typischem Klacken oder Blinken reagiert. Doch mancher schließt das Auto quasi automatisch ab und ist in Gedanken längst woanders. Arnulf Thiemel vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg appelliert daher: «Auf jeden Fall hinschauen, was das Fahrzeug macht»! Denn passiert nach dem Knopfdruck nichts, kann das auch bedeuten, dass die Fernbedienung ohnehin nicht mehr funktioniert – und damit auch dem altmodischen Dieb Tür und Tor geöffnet sind.

Doch die Sache mit dem gestörten Signal ist nur so etwas wie der Einstieg in die aktuellen Tricks der Autoknacker-Szene. Tatsächlich ist man dort schon einige Stufen weiter. So berichtet Manfred Göth vom Kriminaltechnischen Prüflabor Sachverständigenbüro Göth in Mayen von einem Trick, mit dem sich auch die modernen Keyless-Go-Systeme überlisten lassen, die schlüssellosen Zugangssysteme einiger Modelle.

Dabei arbeiten immer zwei Diebe mit zwei speziell ausgestatteten Aktenkoffern. In einem davon befindet sich eine Antenne. Koffer-Mann eins muss sich dem Träger der Zugangskarte auf ungefähr einen Meter nähern. Dann kann er Daten von der Karte empfangen, die er via Handy aus dem Koffer automatisch an den Träger des zweiten Koffers übermittelt. Der steht neben dem Auto, das durch diese Übertragung automatisch seine Türen öffnet.

«Noch wesentlich wichtiger ist die Möglichkeit, dass heute auch Schlüssel geklont werden», erzählt Göth. Dieses Klonen bezieht sich nicht auf die Form des Schlüssels, sondern auf dessen Innenleben – so dass am Ende durch Datenübertragung und «Anlernen» des Schlüssels eine hundertprozentige elektronische Kopie entsteht. Allerdings muss der echte Schlüssel dafür zumindest kurzfristig in den Händen der Kriminellen sein. Gerade Autovermietungen sind daher typische Opfer: Auto mieten, Schlüssel kopieren, Auto abgeben – und dann klauen.

Eine andere Variante ist, sich per Laptop direkt in die Elektronik des Autos zu mogeln. Dazu muss zunächst zum Beispiel die Motorhaube geöffnet werden. Das aber ist laut Göth kein Problem, der gesamte Vorgang war in Tests binnen einer Minute und 45 Sekunden beendet. All diese Möglichkeiten und das weiter zunehmende Wissen der Kriminellen lassen nach Meinung des Experten nur einen Schluss zu: «Die Zahl der Fahrzeugdiebstähle wird in Zukunft wieder rasant steigen.»

[Photo dpa]

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