[Exklusiv][Winnenden] Interview mit Krautchan-Betreiber zur gefälschten Amoklauf-Ankündigung: „Wir sitzen auf einer Bombe“

winnenden_amoklauf-Medien_fake_tim_k-chat_message by techfever.

Im Interview mit TechFieber.de erhebt der Betreiber des zweifelhaften Web-Forums Krautchan.net, auf dem die gefälschte Ankündigung des Amoklaufs von Tim K. in Winnenden gepostet war, Vorwürfe gegen die Ermittler und die Medien. Nun arbeiten die Betreiber, die die Fälscher „recht sicher“ kennen und eine „gewisse Genugtuung“ verspüren, endlich mit der Polizei zusammen.

Anmerkung: Dieses Interview wurde per E-Mail geführt mit dem Betreiber und Moderator der Seite, der sich nur als „Tsaryu“ zu erkennen gibt und Eigenangaben zufolge in den neuen Bundesländern lebt.

Ihnen wird vorgeworfen, die vermeintliche Amok-Ankündigung von Tim K. verbreitet zu haben. Was ist Krautchan genau und wie funktioniert die Seite?

Krautchan ist ein Imageboard. Die Grundlagen darüber lassen sich zwar auf Wikipedia finden, aber um es in zwei Sätzen zusammenzufassen: Man lädt Bilder hoch und diskutiert diese. Krautchan ist dabei in Themenbereiche aufgeteilt, wie auch das englischsprachige Vorbild 4chan und das japanischsprachige 2chan: Essen/Kochen, Politik, Computer usw. sowie einer “alles erlaubt“-(solange es legal ist)-Rubrik, in der der Ton auch schon mal härter ist.

Wie seriös oder ernst zu nehmen ist Krautchan denn?

Man kann Beiträge auf Krautchan zu einem gewissen Grad ernst nehmen – eben, wie man mit Informationen aus dem Internet umgeht. Spätestens seit den Atombombendrohungen auf 4chan müsste man aber hellhörig geworden sein, wenn die Quelle ein „Chan“ ist.

Also war es ein Fehler von Innenminister Rech, mit dem Post aus Ihrem Forum an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ja, mit den Informationen, die vorlagen, war es eindeutig falsch. Ein Bildschirmfoto kann so leicht gefälscht werden, das sagt überhaupt nichts aus.

Wann ist die vermeintliche Amoklauf-Ankündigung denn genau eingestellt worden?

Das gefälschte Bildschirmfoto wurde 16:57, also nach der Tat, auf Krautchan hochgeladen. Westline.de berichtete kurze Zeit später darüber, allerdings ohne große Auswirkungen. Das eigentliche Bekanntwerden erfolgte, als ein Benutzer aus Bayern das Bildschirmfoto seinem Vater zeigte und dieser sich an die Polizei wandte. Von den Medien wird dieser Benutzer aus Unwissen „Freund Bernd von Tim K.“ genannt. Alle Benutzer, die auf Krautchan keinen Namen eingeben, werden als „Bernd“ angezeigt.

Wer hat die Fake-Amok-Ankündigung bei Krautchan gepostet?

Das kann keiner im Moment sagen. Die Auswertung der Logdatei wird die IP-Adresse ergeben, und anhand der kann man dann den Uploader ausfindig machen, indem man bei dem jeweiligen ISP anfragt. Erst dann und _nur_ dann können wir sagen, wer es war. Aber das ist Aufgabe der Polizei, nicht unsere.

Gegenüber der „Times of London“ waren Ihre Angaben aber präziser – Sie sagten, ein Web-User aus Düsseldorf stecke dahinter.

Ich muss nun leider mein „ich weiß es“ relativieren. Ich bin mir recht sicher, wer sie erstellt hat. Allerdings war vor dem Zusammenbruch des Servers dieses Bild schon mehrfach hochgeladen worden, mindestens fünfmal, so dass ich nicht genau sagen kann, wer genau den Beitrag mit dem Bild geschrieben hat, der auch in dem Thread zu sehen ist, den wir auf Krautchan wieder bereitgestellt haben.

Wann wurde die Fake-Amok-Ankündigung von Ihnen entdeckt?

Entdeckt wurde sie von mir nach 18:00. In dem Original-Thread, der 02:45 erstellt wurde, habe ich allerdings selber eine (für Nichtkenner der Chan-Kultur unverständliche) Antwort gegen 05:25 verfasst.

Haben Sie versucht, die Behörden vor der Fälschung zu warnen?

Nein, als ich sie entdeckte, und ich war zu der Zeit der einzige Moderator online, war die Pressekonferenz schon vorbei, einige Nachrichten hatten das gefälschte Bildschirmfoto schon veröffentlicht, und der Artikel verbreitete sich in der deutschen Presse wie ein Lauffeuer. Darüber hinaus wussten wir auch gar nicht, an wen wir uns hätten wenden sollen.

Arbeiten Sie mit der Polizei zusammen?

Jetzt ja. Anstatt uns einfach eine E-Mail zu schreiben, wurde beim Server in den USA der Wohnsitz eines Moderators ermittelt, und diesem wurde ein persönlicher Besuch abgestattet, mit zwei Herren aus Baden-Württemberg. Nur um zu erfahren, dass der Moderator nicht da ist und derzeit nur über E-Mail erreichbar ist. Mittlerweile wissen wir, dass wir eine amtliche E-Mail erhalten werden, und werden die Logdateien vom 13.11. der Polizei übermitteln.

Wie, man hat also nicht sofort versucht, Sie per E-Mail zu erreichen?

Nein, wir haben nie eine E-Mail bekommen. Dabei wäre das so viel einfacher und schneller gegangen.

Das Konzept der bislang kaum bekannten Imageboards ist aber auch recht kompliziert …

Ich verlange ja nicht, dass jeder weiß, wie ein Imageboard funktioniert, aber gerade bei „Beweisen“ aus dem Internet, wo viele Dinge derart leicht gefälscht werden können, sollte man doch schon lieber zweimal nachfragen.

Hat die Polizei die Herausgabe von Daten gefordert?

Nein, sie haben darum gebeten, da sie ohne Zustimmung der Moderatoren nicht an die Logdateien kommen würden.

Was ist mit dem Jungen aus Bayern, dessen Vater sich an die Polizei wandte?

Die Geschichte scheint zu stimmen, dass jemand aus Bayern das Bildschirmfoto seinem Vater gezeigt hat und dieser die Polizei kontaktierte. Allerdings ist der besagte Benutzer weder Freund von Tim K. gewesen, noch hieß er mit Gewissheit Bernd, noch hat er mit ihm „gechattet“, noch hat er die Nachricht via E-Mail erhalten, wie einige Medien berichten.

Und was ist mit dem Krautchan-Nutzer aus NRW, der ebenfalls den Post des Amokläufers Tim K. auf Ihrer Seite gesehen haben will?

Das Bildschirmfoto haben sie mit Sicherheit gesehen, da es wie gesagt mehrfach hochgeladen wurde. Als Thread haben sie ihn aber garantiert nicht gesehen.

War Tim K. ein Krautchan-Nutzer?

Man kann mit sehr großer Sicherheit sagen, dass dem nicht so war. Sollte er auf Krautchan gewesen sein, hat er mit Gewissheit den vermeintlichen „Abschiedsbrief“ nie geschrieben.

Laut DPA „jubiliert die Szene“ angesichts der Pannen. Ihre Seite ist zum Teil menschenverachtend zynisch. Finden Sie die Sache zum Jubeln?

Nein, ich finde es zum Heulen, wie schlampig die deutsche Presseszene arbeitet. Und trotz allen Ärgers, den wir haben, komme ich nicht umhin, eine gewisse Genugtuung zu empfinden, dass so eine kleine Plattform wie Krautchan es geschafft hat, die Mängel aufzudecken.

Wer steckt hinter Krautchan?

Wir sind drei Leute. Ich lebe in den neuen Bundesländern. Wir haben das Projekt gegründet, weil das damalige deutschsprachige Imageboard weder gewartet, noch gepflegt wurde. Wir selber sind also praktisch einmal Bernds gewesen (und sind es im Grunde immer noch).

Sie kritisieren die Medien und Ermittler und bemängeln, es habe Sie niemand kontaktiert. Dabei ging das ja gar nicht. Ihre Seite war sofort offline und der Whois-Eintrag der Domain verweist auf eine anonymisierte Adresse.

Unsere Seite war ca. noch 20 Minuten, nachdem sie überall veröffentlicht wurde, erreichbar, bevor sie endgültig zusammenbrach – man hätte uns per E-Mail kontaktieren können. Als der Server unter der Last der Anfragen
zusammenbrach, mussten wir einen Platzhalter einfügen. Ja, in diesem Moment hatten wir schlichtweg vergessen, eine Kontaktadresse zu hinterlegen. Das haben wir aber schon nach relativ kurzer Zeit bemerkt und einen Link eingefügt.

Sie wollten also sofort bei der Aufklärung helfen, waren aber nicht erreichbar …

Wir wollten von Anfang an mit den Medien sprechen. Nur ist niemand auf uns zugekommen. Erst nachdem der ganze Medienrummel in Gang war, kamen nach und nach vereinzelte Anfragen.

Sie wollen Ihre Identität nicht preisgeben. Warum diese Geheimniskrämerei?

Anonymität ist der Kern von Imageboards und seinen Benutzern. Warum sollte das für die Betreiber anders sein?

Es geht also um Ihre „Chan-Ehre“ – spielt das denn jetzt noch eine Rolle? Wäre es angesichts der Tragweite dieser schrecklichen Tat nicht einfacher, reinen Wein einzuschenken und offen, also nicht anonym an die Öffentlichkeit zu gehen?

Keiner von uns drei Moderatoren wird öffentlich an die Presse gehen. Wenn wir das täten, hätte das vermutlich eine ähnliche Tragweite, wie wenn wir es nicht tun, nur in eine andere Richtung. Die gesamte Subkultur des Netzes schaut im Moment auf uns. Wenn einer von uns mit Realnamen an die Presse geht, bliebe eigentlich nur noch Auswandern.

Aber der Ball liegt bei Ihnen, reinen Tisch zu machen …

Ja, das ist richtig. Aber es ist kein Ball, sondern eine Bombe, deren Lunte fast abgebrannt ist. Ob wir sie liegen lassen oder weitergeben, explodieren wird sie so oder so. Wir dürfen uns also praktisch zwischen Pest und Cholera entscheiden.

Die Original-Nachricht bei Krautchan

Die Original-Nachricht bei Krautchan

Gefälschte Ankündigung zum Amoklauf von Tim K. in Winnenden

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