[Medien] [Feature] Neuer ZDF-Boss: ZDF-Chefredakteur Peter Frey stellt „alles auf den Prüfstand“

X Peter Frey schwankt zwischen Vorfreude und Schwermut. Vor dem neuen ZDF-Chefredakteur liegen programmatische und politische Mammutaufgaben. Der ZDF-Staatsvertrag wird wohl vom Verfassungsgericht überprüft, sein Vorgänger Nikolaus Brender wurde Opfer von politischen Machtspielchen. Seit Wochen arbeitet der neue mit dem alten Chefredakteur an der Übergabe der Amtsgeschäfte. In seiner neuen Funktion, die er zum 1. April bekleidet, muss der 52-Jährige vor allem eines: durchgreifen.

Frey verlässt Berlin mit Wehmut. 1992 baute er hier das «Morgenmagazin» auf, seit 2001 war er Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios. Er erinnert sich an die Koalitionsverhandlungen von Union und SPD 2005: Eines Morgens erhielt er, noch im Schlafanzug, aus den politischen Lagern den Hinweis, dass Angela Merkel Kanzlerin wird. Er rief im ZDF an, eine Minute später wurde der Durchbruch im «Morgenmagazin» vermeldet. «Ich hatte feuchte Hände und hab mir gedacht: Mensch, hoffentlich stimmt’s jetzt auch!»

Er habe Journalismus «ganz vorne an der Front» gemacht, sagt er. Solche Aussagen klingen melancholisch. Frey weiß, dass er bald vom Schreibtisch aus operiert und gibt unverblümt zu, dass ihm erst langsam deutlich wird, «worauf ich mich da eingelassen habe».

Der Journalist muss künftig Manager sein und über Budgets, Sportrechte, Personal- und Finanzfragen entscheiden: «Sachen, mit denen ich mich zum ersten Mal in meinem Berufsleben auseinandersetze.» Frey gilt als Teamplayer, «und plötzlich bist du Chef». Nach 25 Jahren als ZDF-Redakteur sei es «jetzt auch Zeit, dass ich dem Sender etwas zurückgebe». Er wisse, dass dies pathetisch klinge, sagt Frey. Solche Einwürfe schickt er oft vorweg, wenn ihm ein Selbstlob zu entwischen droht: «Man soll sich selbst nicht so loben», sagt er dann, oder «Das klingt kokett».

Zu seinen neuen Aufgaben zählt auch die Umsetzung unbequemer Maßnahmen. Details will er noch nicht nennen, denn «dieses Regieren über die Öffentlichkeit ist meine Sache nicht». Sogleich schiebt er aber nach, dass «alles auf den Prüfstand muss». Viele ZDF-Magazine würden sich formal und inhaltlich zu sehr gleichen und ihre Alleinstellungsmerkmale einbüßen. Die Zahl der Moderatoren will er reduzieren, das im vergangenen Jahr gestartete und vielfach kritisierte Nachrichtenstudio sei zwar ein Sprung in die Zukunft, «aber ich bin mit dem Resultat nur eingeschränkt zufrieden». Die Präsenz der Moderatoren, «das beste Nachrichtenteam im deutschen Fernsehen», leide unter der Technik.

Frey will Auffälligkeiten schaffen und den Sender profilieren. Dafür sollen Sendungen besser aufeinander abgestimmt werden und gemeinsam Programmschwerpunkte setzen. Auch der Chefredakteur soll auf dem Bildschirm präsent sein: «Ich will mitspielen und auch das Risiko eingehen.“

Für die Verjüngung des ZDF-Publikums, dessen Durchschnittsalter bei 61 Jahren liegt, will Frey «ruhig ein bisschen frecher werden». Es sei wichtig, «die ganze Breite der so bunt gewordenen Gesellschaft abzubilden, da sind wir manchmal ein bisschen uniform».

Zu knabbern hat der 52-Jährige an den Sportrechten, die seinen finanziellen Handlungsspielraum begrenzen. Von seinem Etat in Höhe von jährlich mehr als 500 Millionen Euro entfallen allein 300 Millionen auf den Sport. «Da habe ich mich selbst gewundert», sagt er. Mit Blick auf die Finanzen wird Frey ernst, er fürchtet in den nächsten Jahren Einschnitte angesichts von Wirtschaftslage, Gebührenordnung und einem möglichen Ende der Werbung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Mit der Familie kehrt Frey zurück in seine Heimat, er stammt aus Bingen, rund 30 Kilometer von seiner neuen Arbeitsstätte entfernt. Die Erwartungen an den neuen Chef sind hoch: Nach Brenders Demission muss Frey der «Bannerträger der Unabhängigkeit» sein, wie es ZDF-Intendant Markus Schächter formulierte. Diese Mission wird ihm zugetraut. «Das schüchtert mich ein bisschen ein», gibt er zu.

Die Diskussion um die Staatsferne habe das ZDF «emotional wundgescheuert», bekennt Frey. Jeder einzelne Journalist müsse hinterfragen, ob er sich als unabhängig verstehe «oder andere Loyalitäten hat». Er streitet nicht ab, dass es in seinem Sender Zuträger der Parteien gibt. «Der Kampf hört nicht auf», sagt er entschlossen. Jeder ZDF-Chefredakteur werde in seiner Amtszeit damit konfrontiert. In seiner Rede auf Brenders Abschied wählte Frey am vergangenen Dienstag ein Zitat von dessen Vorgänger Klaus Bresser: «Je tiefer man sich bückt, desto leichter kann man getreten werden.»

tf/mei/ddp

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