[Feature] Sind Internet-Sperren Unfug oder Heilmittel? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Streit-Thema

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Der jüngste Vorstoß von EU-Kommissarin Cecilia Malmström für europaweite Internetsperren gegen Kinderpornografie hat die Debatte darüber neu entfacht. In Deutschland waren solche Sperren erst vorgesehen, die Bundesregierung setzt nun aber auf Löschen statt Sperren.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem umstrittenen Thema:

Wie funktionieren Internetsperren?

Sie sollen den Zugang zu Webseiten mit kinderpornografischen Darstellungen blockieren. Steuert ein Nutzer eine solche Seite an, könnte ihm ein virtuelles Stoppschild gezeigt werden. Nach den Plänen sollte das Bundeskriminalamt eine Liste mit den Internet-Adressen der einschlägig bekannten Angebote täglich aktualisieren. Internet- Zugangsanbieter sollten verpflichtet sein, die Seiten zu sperren.

Technisch werden dabei die Anfragen auf einen anderen Server umgeleitet, der die Internet-Adresse nicht mehr übersetzt. Aufwendigere, sogenannte Hybrid-Verfahren schieben noch einen zweiten Riegel vor die unerwünschten Inhalte. Statt Seiten ganz zu sperren, ist es dabei möglich, nur bestimmte Bestandteile wie etwa ein Bild auf einer Seite zu blockieren. Diese Filter sind aber aufwendig und teurer.

Wie läuft im Unterschied dazu das Löschen ab?

Statt Internetseiten zu sperren, hat sich die Koalition inzwischen darauf verständigt, kriminelle Seiten komplett zu löschen. «Generell muss es darum gehen, Abbildungen von sexuellem Kindesmissbrauch zu entfernen und die Täter zu verfolgen», fordert auch der Bürgerrechte- Verband Arbeitskreis Zensur. Mit einer Sperre würden die Inhalte dagegen nur versteckt und die Täter geschützt.

Der Arbeitskreis hat bereits viele Angebote bei den zuständigen Providern angezeigt und eine zügige Löschung der Inhalte erzielt. Das Argument, dass die Server nur schwer zu finden seien, habe sich nicht bestätigt. Nach Angaben der Bürgerrechtler stehen die meisten Server der kriminellen Angebote in den USA und Westeuropa.

Können Sperren umgangen werden?

Kritiker wenden seit langem ein, dass Internet-Sperren und Filter von versierten Nutzern spielend umgangen werden können. So hilft es bereits, auf einen anderen DNS-Server zu wechseln, der die Internet- Adressen übersetzt und ansteuert. Bei den aufwendigeren Filtern ist es schwieriger, letztlich lassen sich auch diese umgehen.

Was befürchten Kritiker der Sperren?

Der kriminelle Handel mit Kinderpornografie findet in großem Maßstab nicht mehr nur im jedermann zugänglichen World Wide Web statt. Umschlagplätze sind etwa auch geschlossene Tausch-Netzwerke, bei denen die einzelnen Rechner als Server dienen. Solche Netzwerke würden von den Sperrplänen aber nicht berührt. Kritiker befürchten, dass kriminelle Anbieter daher verstärkt in den Untergrund abwandern und Kanäle nutzen, wo der Handel weiterhin blühen könnte.

Der AK Zensur warnt zudem, dass Sperren ein «Frühwarnsystem» für Betreiber krimineller Webangebote sein könnten. Diese könnten automatisiert prüfen, ob ihre Websites auf der Sperrliste stehen. Die Betreiber wüssten so frühzeitig, dass sie im Visier der Ermittler sind.

Sind Internetsperren Zensur?

Kritiker befürchten, dass mit einem Sperrgesetz eine Infrastruktur für eine ausufernde Zensur geschaffen wird. Neue Möglichkeiten der Kontrolle zögen meist auch wachsende Begehrlichkeiten nach sich, warnen die Netzaktivisten vom Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (FoeBuD). So wurden Forderungen von Politikern laut, das geltende «Zugangserschwerungsgesetz» auf rechtsradikale Inhalte, MP3-Tauschbörsen oder Online-Spiele («Killerspiele») auszuweiten.

Ist das Löschen von Seiten auch Zensur?

In gewisser Weise ist auch das direkte Löschen einzelner Seiten eine Art von Zensur, sagt Netzaktivistin Rena Tangens vom FoeBuD. Allerdings komme dieses Verfahren ohne eine Liste von Websites aus, die geheim gehalten und nicht überprüfbar sei. Andere Experten betonen, Löschen sei im Gegensatz zum Sperren ein gezielterer Eingriff direkt beim «Übeltäter».

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One Response

  1. london-fan 31. März 2010

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