[Loveparade] Round-up: Erhöhter Druck auf Duisburger OB Sauerland – Teilnehmerzahlen der Loveparade seit Jahren geschönt

30. Juli 2010 | by TechFieber.de

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Nach der Demonstration mehrerer hundert Bürger vor dem Duisburger Rathaus mit Rücktrittsforderungen gerät Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) nun auch in der Union unter Druck. Sauerland trage die politische Verantwortung für das Loveparade-Desaster, bei dem 21 Menschen starben und mehr als 500 verletzt wurden, sagte der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU). Der CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl urteilte, die Loveparade «hätte nie und nimmer genehmigt werden dürfen». Die Duisburger Linke-Ratsfraktion bereitet einen Antrag zur Abwahl Sauerlands vor, die FDP sagte Unterstützung zu. Zuvor hatten bereits SPD-Politiker Sauerland den Rücktritt nahe gelegt.

Am Donnerstag hatten Hunderte Duisburger mit einer Schweigeminute vor dem Rathaus den Opfern der Loveparade vom vergangenen Samstag gedacht. Sie skandierten immer wieder «Sauerland raus!». Nach der Kundgebung formierte sich ein Protestzug durch die Duisburger Innenstadt. Am Samstag ist eine offizielle Trauerfeier in Duisburg geplant, an der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Christian Wulff teilnehmen wollen.

Bosbach sagte, zwar könne er verstehen, dass Sauerland nicht mit einem Rücktritt den Eindruck eines womöglich sogar strafrechtlich relevanten Schuldeingeständnisses erwecken wolle. Ein solches Amt sei aber «nicht nur mit Würde, sondern gelegentlich auch mit einer Bürde verbunden», sagte Bosbach. Er würde sich wünschen, dass der Oberbürgermeister «selber zu der richtigen Entscheidung kommt und nicht nur auf Druck von außen reagiert».

Uhl sagte nach Prüfung des Auflagenbescheids, der Fall liege «jetzt glasklar vor». Er kritisierte den Auflagenbescheid hart: «Jeder Obsthändler, der in der Münchner Fußgängerzone einen Stand eröffnen will, muss mehr nachweisen», sagte er. Darüber hinaus gab Uhl auch Polizeiführung und Stadtverwaltung eine Teilschuld.

Der Duisburger FDP-Fraktionschef Wilhelm Bies forderte: «Sauerland muss die politische Verantwortung für die Loveparade-Tragödie übernehmen und das Amt abgeben.» Vor Bries hatte bereits der FDP-Innenexperte im Düsseldorfer Landtag, Horst Engel, den sofortigen Rücktritt Sauerlands gefordert.

Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Steuerzahlerbundes käme Sauerland ein Rücktritt offenbar finanziell teuer zu stehen. Der Politiker verlöre dadurch sämtliche Ansprüche auf Dienstbezüge und Versorgung, sagte Justiziar Heinz Wirz. Der Experte verwies darauf, dass das Landesbeamtengesetz einen Rücktritt aus politischen Gründen nicht vorsehe. Sauerland müsste einen Antrag auf Entlassung stellen. Damit gingen auch die Pensionsansprüche verloren, die sich Sauerland vor der Wahl 2004 in langen Jahren als Oberstudienrat im benachbarten Krefeld erworben habe.

Der Chef des Kulturhauptstadt-Projekts «Ruhr.2010», Fritz Pleitgen, wendet sich gegen eine vorschnelle Abstrafung der Verantwortlichen für die Katastrophe. Er habe das Gefühl, «dass da jetzt so eine Jagd auf die Schuldigen ausbricht», sagte Pleitgen. Der frühere WDR-Intendant richtete zugleich Vorwürfe an diejenigen, die im Vorfeld der Techno-Party vor den Gefahren intern gewarnt haben wollen: «Wenn alle das damals wussten, hätten sie das auch öffentlich äußern müssen.» Nach Ansicht des Ruhr-2010-Chefs war möglicherweise die Vorbereitungszeit für die Loveparade zu kurz.

Nach Recherchen der Zeitungen der Essener WAZ-Mediengruppe (Freitagausgaben) sind alle bislang veröffentlichten Zahlen der Loveparade-Teilnehmer im Ruhrgebiet von Beginn an gefälscht worden. So hieß es, in Essen seien vor drei Jahren 1,2 Millionen Menschen auf dem Techno-Event gewesen. Nach Dortmund sollen vor zwei Jahren 1,6 Millionen gekommen sein, in Duisburg war von 1,4 Millionen Menschen die Rede.

Keine dieser Zahlen sei korrekt, alle seien maßlos übertrieben, gehe aus einem «streng vertraulichen» Dokument des Loveparade-Veranstalters Lopavent hervor. Die tatsächliche Zahl der Loveparade-Besucher wurde damit den Angaben zufolge von allen Stellen bewusst verschwiegen und die Öffentlichkeit mit falschen Zahlen versorgt.

(Weitere Quellen: Bosbach, Pleitgen in der ZDF-Sendung «Maybrit Illner»; Uhl in «Financial Times Deutschland»; Bies in «Rheinische Post“; Wirz in «Neue Presse» (alle Freitagausgaben); Engel im RBB-Inforadio)

tf/war/dts

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