[Loveparade] [Feature] Die Trauer in Worte fassen: Notfall-Seelsorger bieten Trauenden am Unglücksort Hilfe an

28. Juli 2010 | by TechFieber.de

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Für Pfarrer Joachim Deterding ist es der erste Besuch des Unglücksorts am Gelände der Loveparade in Duisburg. Er geht am Mittwoch durch den mehrere Hundert Meter langen Tunnel, an dem sich am Samstag das Unglück mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten ereignet hatte. Deterding trägt eine violette Weste, auf deren Rückseite in großen Lettern Notfallseelsorge steht.

Als der evangelische Pfarrer am Aufgang des Tunnels stehenbleibt und sich die Teelichter, Blumensträuße und anderen Trauerbekundungen anschaut, spricht ihn ein junger Mann an. «Warum hat man die Leute nicht von der anderen Seite auf das Gelände gelassen und sie so eingesperrt. Dieses Unglück hätte niemals passieren müssen», kritisiert der Jugendliche. Deterding hört ihm ruhig zu und gibt ihm recht. «Diese Fehler werden aufgeklärt müssen», sagt er. Der junge Mann wechselt noch ein paar Worte mit dem Pfarrer und geht weiter.

Begegnungen wie diese erleben die Notfallseelsorger derzeit immer wieder an dem Unglücksort in Duisburg. Neben Fragen nach dem «Warum» kommen dabei immer wieder Trauer und Erschütterung zum Ausdruck. Einige Menschen lassen ihren Tränen auch einfach freien Lauf.

Am Dienstag hatte der evangelische Kirchenkreis Duisburg einen von der Feuerwehr organisierten Container im Tunnel aufgestellt, der als Rückzugsraum für Trauernde genutzt werden kann. Zudem zeigen sich die Seelsorger immer wieder auf der benachbarten Karl-Lehr-Straße und im Tunnel, um ins Gespräch mit den Menschen zu kommen.

«Es geht im Kern darum, da zu sein und zuzuhören», sagt der Duisburger Pfarrer Dietrich Köhler-Müggel, der Ansprechpartner für die Presse und selbst im Einsatz ist. Die Unglücksstelle im Tunnel sei mittlerweile zu einem «Ort der Andacht und der Besinnung» geworden. Deshalb sei es wichtig, dass die Kirche hier ihre Unterstützung anbietet. Man wolle die Möglichkeit bieten, das Erlebte und die Trauer zu verarbeiten. «Je klarer die Menschen das in Worte fassen können, desto eher wird es entdämonisiert», sagt Köhler-Müggel.

Der 56-jährige Kirchenmann war auch am Samstag nach der Massenpanik im Einsatz. Dabei stand er Besuchern, aber auch Rettungskräften mit seiner Hilfe zur Seite. «Einen solchen Schadensfall dürfte es in der Bundesrepublik noch nie gegeben haben», sagt er. Deshalb sei auch die Anteilnahme in der Bevölkerung jetzt so groß.

Richard Bannert, der den Einsatz der Notfallseelsorger am Ort der Tragödie koordiniert, hat beobachtet, dass auch viele Rettungskräfte wieder an den Unglücksort zurückkommen. «Auch sie müssen sich mit Erlebten auseinandersetzen», erläutert er.

Nach Angaben von Köhler-Müggel sollen die Notfallseelsorger auf jeden Fall noch bis zum Ende der Woche im Einsatz sein. Derzeit sind die Helfer von 14.00 bis 22.00 Uhr dort präsent, am Wochenende dauern die Schichten von 10.00 bis 22.00 Uhr. Wie lange das Angebot aufrechterhalten wird, hängt auch davon ab, bis wann die Karl-Lehr-Straße für den Verkehr gesperrt bleibt. «Wenn die Straße wieder frei ist, dann verändert sich auch der Charakter hier», sagt Köhler-Müggel. Für Samstag (31. Juli) ist in Duisburg eine Trauerfeier für die Opfer der Loveparade geplant.

tf/war/ddp

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