[Loveparade] [Round-up] Stadt Duisburg in Erklärungsnot: Polizei stieß mit Sicherheits-Bedenken bei Loveparade auf Widerstand

27. Juli 2010 | by TechFieber.de

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Wenige Tage nach der Massenpanik bei der Loveparade mit 20 Toten gerät die Stadt Duisburg im Zusammenhang mit der Genehmigung der Veranstaltung immer stärker in Erklärungsnot. Nach einem Bericht der «Süddeutschen Zeitung» soll die Duisburger Polizei mit ihren Sicherheitsbedenken auf starken politischen Widerstand gestoßen sein. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sagte dagegen, er habe von solchen Vorbehalten nichts gewusst. Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) forderte einen Sicherheits-TÜV für Großveranstaltungen.

Die Zahl der Toten bei der Loveparade hatte sich am Montagabend auf 20 erhöht. Am Unglücksort in Duisburg fand am Dienstagvormittag eine Mahnwache statt. Dort liegt auch ein Kondolenzbuch aus.

Nach Informationen des «Kölner Stadt-Anzeigers» hat die Duisburger Stadtverwaltung erst Stunden vor dem Beginn der Party die ordnungsbehördliche Genehmigung unterschrieben. Dem Blatt zufolge wurden Mitarbeiter der Stadtverwaltung systematisch unter Druck gesetzt, um die Genehmigung abzunicken. Der Direktor der Berufsfeuerwehr habe im Oktober 2009 in einem Brief an Oberbürgermeister Sauerland gewarnt, das Gelände am alten Güterbahnhof sei «physikalisch nicht geeignet» für eine Veranstaltung dieser Größenordnung.

Sauerland versicherte hingegen: «Mir sind keine Warnungen bekannt.» Es gebe bei der Planung solcher Veranstaltungen immer kritische Stimmen, die man auch immer sehr ernst nehme. Aufgabe der Stadt sei es, zu prüfen ob beantragte Veranstaltungen durchgeführt werden können. «Und genau das haben wir auch in diesem Fall gewissenhaft getan», beteuerte Sauerland.

Die «Süddeutsche Zeitung» berichtete, der Duisburger CDU-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg habe in einem Brief an den damaligen NRW-Innenminister Ingo Wolf (FDP) die Absetzung des damaligen Duisburger Polizeipräsidenten Rolf Cebin gefordert, weil dieser heftige Sicherheitsbedenken gegen die Loveparade geäußert habe. Cebin ging im Mai 2010 in den Altersruhestand.

Unterdessen soll einem Bericht von Radio Erft zufolge die offizielle Genehmigung von Seiten der Stadt Duisburg für die Loveparade angeblich erst einen Tag nach dem Unglück der Polizei vorgelegen haben. Der Radiosender berief sich dabei auf den innenpolitischen Sprecher der FDP-Fraktion, Horst Engel, der wiederum diese Information von Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) erhalten habe.

Der ehemalige WDR-Intendant und Chef von Ruhr.2010, Fritz Pleitgen, stellte sich derweil hinter die Organisatoren der Loveparade. Bei der Entscheidung der Verantwortlichen werde Sicherheit höchste Priorität gehabt haben. «Aber offensichtlich ist nicht alles bedacht worden, sonst hätte es nicht zu dieser Katastrophe kommen können«, sagte Pleitgen. Das sei Sache der Ermittlungen. »Sicherheitsbedenken sind mir nie zu Ohren gekommen«, versicherte Pleitgen. «Wäre das der Fall gewesen, hätte ich sofort gesagt: Lasst es!»

Ministerpräsidentin Kraft forderte, bei künftigen Großveranstaltungen müsse die Verantwortung für die Sicherheit beim Innenministerium liegen. Damit könnten dort auch alle Erfahrungen aus vergleichbaren Veranstaltungen gebündelt werden. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, begrüßte diesen Vorschlag.

Polizeigewerkschaftschef Rainer Wendt sagte: «Das Sicherheitskonzept für Massenveranstaltungen ist derart anspruchsvoll, dass es nicht allein in den Händen einer Stadtverwaltung liegen darf.» Es sei zwingend erforderlich, eine Art TÜV für Großveranstaltungen einzuführen.

(Weitere Quellen: Sauerland in der Düsseldorfer «Rheinischen Post»; Pleitgen in der «Frankfurter Rundschau»; Wendt in der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Dienstagausgaben))

tf/bat/ddp

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