[Loveparade] Das Netz trauert: Wut und Verzweiflung liegen im Internet nah beieinander

27. Juli 2010 | by TechFieber.de

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Trauern und Schimpfen nehmen kein Ende: Drei Tage nach dem Tod von 20 Menschen bei der Loveparade in Duisburg suchen die Menschen im Internet nach Antworten auf das Unbegreifliche.

Viele wollen nur ihrer Betroffenheit Ausdruck geben, unüberhörbar sind aber auch Wut und die Forderung nach Konsequenzen. Das Netz vereint alle, die dabei waren, mit denen, die von fern mitfühlen. «Ich war auch da und kann es immer noch nicht fassen», schreibt Stefan B. auf der Facebook-Seite «Schweigeminute für die Opfer der Loveparade». Die meisten fühlen sich wie Isabel H. gedrängt, ihre Gefühle in die knappe Textzeile des Sozialen Netzwerks zu gießen: «Bin sehr betroffen und weine um Menschen die ich nicht kenne.» Auch aus dem Ausland kommen Botschaften des Mitgefühls in vielen Sprachen.

Die persönliche Betroffenheit im Internet mitzuteilen, sei wichtig, um ein Gegengewicht zur allgemeinen Sprachlosigkeit im Umgang mit Tod und Trauer zu setzen, erklärt der Bestatter Fritz Roth, der sich als Leiter der Privaten Trauerakademie in Bergisch Gladbach seit langem mit dem gesellschaftlichen Tabuthema Tod beschäftigt. «Trauer braucht Gemeinschaft, braucht Menschen, die zuhören», sagt Roth. Und gerade die jüngere Generation sei es gewohnt, das Internet als Ausdruck der eigenen Gefühlswelt zu nutzen.

Erschütternd und eindringlich sind persönliche Augenzeugenberichte von Bloggerinnen und Bloggern wie Julia. Sie hat zur Duisburger Loveparade ein eigenes Blog gestartet, in dem sie darum ringt, das schreckliche Geschehen zu begreifen: «Würde so gerne mit anderen Betroffenen sprechen, hören wie deren Empfindungen sind, hören wie sie das erlebte verkraften.»

Mehr als 2700 Menschen haben sich in einem Online-Kondolenzbuch eingetragen. Dort bricht ins stille Mitgefühl immer wieder laute Empörung ein: «Ich hoffe auf schnelle lückenlose Aufklärung und gerechte Bestrafung aller Verantwortlichen, die leichtfertig und geltungssüchtig gehandelt haben», schreibt Martina R. unter der Betreffzeile «Trauer/Wut/Unverständnis».

Besonders laut äußert sich die Empörung bei Twitter. »Dance or Die! Vorfahrt für den Profit – Es handelte sich um Vorsatz», heißt dort eine der vielen Anklagen. Immer wieder wird nach der Genehmigung für den Veranstaltungsort gefragt und gerätselt, warum es so unterschiedliche Schätzungen zur Teilnehmerzahl gibt. Diese Frage wollen die, die in Duisburg dabei waren, selbst beantworten: Auf der Website «Loveparade Raver Count» haben sich laut Betreiber bisher mehr als 80.000 eingetragen. Die Betreiber nehmen an, dass weit mehr Menschen in Duisburg zusammengekommen sind als offiziell angegeben.

In der Ratlosigkeit sei es gut, Gemeinschaft zu spüren, sagt Roth, das virtuelle und dann auch das persönliche Miteinander. Dabei sei es gut, Rituale und Ausdrucksmöglichkeiten zu haben wie das Anzünden einer Kerze oder eine Schweigeminute. «Erst wenn wir innehalten», sagt Roth, »merken wir, wie lange eine Minute sein kann.» Die Facebook-Initiative hat für Samstag 20.00 Uhr, eine Woche nach der Katastrophe, zu einer Schweigeminute aufgerufen – »Ort: Auf der ganzen Welt».

Eine 27-Jährige hat ihre Betroffenheit schon vorher in einem YouTube-Video dokumentiert, eine Minute schweigend, mit großen Augen und der Botschaft: «Ich schicke viel Kraft an die, die sie jetzt so nötig brauchen.»

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Kommentare (3)

  1. ted says:

    ich kann mich nur deinen Worten anschließen. Was für eine Geldgier dieser Veranstalter doch haben müssen. Aber das ist ja normal in unserer Gesellschaft. Aber das wirklich traurige ist das Verantwortlich vom Staat sich so bedrängen lassen und soetwas zugelasse habne. Wie jetzt bekannt wurde war die Polizei und Feuerwehr dagegen! aber das sind doch unsere Ordnungshüter. Hoffentlich werden die Verantwortlichen hart bestraft besonders der Veranstalter selber. aber wie es so ist wird er mit einem blauen Auge davon kommen. Aber wenn unser eins mal 5 Minuten falschParkt oder Die Steuer zu spät abgibt gibt es die volle Härte. Demokratie da kann man nur lachen ! Korruption und Vetternwirtschat das ist Deutschland schade um so ein schöner Land.

  2. Ulrike says:

    Und mancher kann eben nicht damit leben ..

    wenn ich mir die Berichterstattungen in den Tagen nach der Love Parade ansehe, frage ich mich oft, woher die dieses Material haben. Ich denke einfach mal, dass da die „Kleinen“, deren Köpfe immer so locker sitzen, die aber dennoch gewarnt haben, diesmal nicht alleine ihr Kreuz hinhalten wollten. Es ist bestimmt nicht leicht, mit dem Gefühl zu leben, sich nicht durchgesetzt haben zu können. Diese Menschen „dürfen“ natürlich nichts aus den Ämtern rausgeben – und so wollen wir mal die Daumen drücken, dass auch nichts heraus kommt. Focus und Spiegel und auch sonstige Medien wie SAT 1 und RTL etc. schützen ihre Informanten i.d.R. ja gut.

    Noch nie habe ich es so wichtig gefunden, dass man per Handy ins Internet kann und dass man Fotos und Videos drehen kann. Denn sonst würden die Verantwortlichen uns sicher noch erzählen wollen, es seien mal gerade schlappe 30 Tausend dort gewesen. ..

    Die Live-Aufzeichnungen der Dabeigewesenen und die Informanten aus Ämtern u.a. werden, so hoffe ich, dazu beitragen, dass die Herren Sauerland und Konsorten zur Rechenschaft gezogen werden.

    Was spricht eigentlich gegen eine U-Haft, so ist Herr Sauerland doch auch am besten vor Morddrohungen geschützt und kann nah dabei bei der Aufklärung helfen, denn „daran liegt ihm doch so viel“.

    Ich weiß nur eins, ich habe mich vor lauter Angst abends nicht getraut, meinen Sohn anzurufen – hört sich zwar blöd an, aber ich hatte einfach Angst, ich erreiche ihn nicht, und das hätte ich ja wahrscheinlich auch nicht – und ich war nur erleichtert, als ich am nächsten Morgen mit ihm sprechen konnte.

    Meine Nachbarn haben 3 Kinder auf der Veranstaltung gehabt ud auch erst am nächsten Mittag Entwarnung bekommen. Geschlafen haben wir alle nicht.

    Ich fühle mit den betroffenen verwaisten Eltern und ganz besonders mit den Eltern, deren Kinder ihr Leben lang von dieser Friedensparade gezeichnet bleiben, ob körperlich oder seelisch oder beides.

    Doch eins ist gewiss, es gibt nichts feigeres, als nicht zu seinen Fehlern zu stehen. Ich frag mich, wie die Herren damit leben können und womöglich noch zum Tagesgeschäft übergehen wollen.

    So – das musste mal sein.

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