Nach der Loveparade-Katastrophe: Psychiater rät zu Gesprächen ohne Therapie-Zwang

26. Juli 2010 | by TechFieber.de

Loveparade Katastrophe Psychiater  Gesprächen  Therapie ZwangDie zahlreichen Verletzten und Augenzeugen des Unglücks auf der Loveparade in Duisburg werden nach Aussage eines Experten noch einige Zeit brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten. «Nach solchen Ereignissen ist es normal, dass man traurig, aufgeregt und betrübt ist, vielleicht auch Alpträume hat», sagte Rainer Hellweg, geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité Mitte am Montag im ddp-Gespräch. Anzeichen für eine posttraumatische Belastungsstörung seien diese Symptome aber noch lange nicht. «Erst wenn dieser Zustand länger als einen Monat andauert, kann man sich überlegen, ob da vielleicht eine Störung entsteht», so Hellweg.

Wie Menschen auf traumatische Situationen reagierten, sei sehr individuell. «Man sollte Gespräche anbieten, aber nicht zwangstherapieren», sagte Hellweg. Manche könnten das Erlebte auch einfach sehr gut verdrängen, ohne dass sie später damit Probleme bekämen. «Wir alle verdrängen regelmäßig Dinge», sagte Hellweg. Das sei eine erfolgreiche Strategie.

Studien hätten jedoch gezeigt, dass ein gutes soziales Netzwerk psychischen Erkrankungen vorbeugen kann. «Menschen, die vorbelastet sind, etwa durch Missbrauch in der Kindheit, instabile Verhältnisse oder eben ein fehlendes soziales Netz, haben ein höheres Erkrankungsrisiko«, sagte Hellweg. Auch Frauen seien statistisch gesehen häufiger betroffen. »Aber selbst Leute, bei denen all diese Risikofaktoren zutreffen, müssen nicht krank werden», betonte er.

Wichtig sei, dass die Betroffenen nun so schnell wie möglich wieder an ihr normales Leben anknüpften. »Es ist nicht gut, wenn die Leute sich jetzt einschließen und solche Veranstaltungen meiden«, sagte der Mediziner. Auch sei es nicht hilfreich, jetzt immer nur daran zu denken, was alles passieren könnte.

Falls Loveparade-Besucher auch nach deutlich mehr als vier Wochen noch mit ihren Erinnerungen zu kämpfen hätten, könne eine Psychotherapie helfen, so Hellweg. «Dabei geht es darum, sich mit dem Trauma auszusöhnen», also Wege zu finden, damit zu leben. Eine Erkrankung äußere sich vor allem dadurch, dass Patienten gar nicht mehr in der Lage seien, ihren Alltag zu bewältigen. «Die Menschen driften in ihren Gedanken ab», seien oft gar nicht mehr richtig da, sagte Hellweg.

Vereinzelte Flashbacks und die ein oder andere schlaflose Nacht könnten aber auch noch lange nach dem traumatischen Erlebnis auftreten. «Das Gehirn braucht einfach Zeit, das zu verarbeiten», sagte Hellweg. Zum jetzigen Zeitpunkt schon von Erkrankungen zu sprechen, sei verfrüht.

tf/war/ddp

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