Nachklapp Medientage 2015: Digitale Disruption und „Bettertainment“ in München

9. November 2015 | by Gerhard Bachleitner

 Medientage 2015: Digitale Disruption

Ende Oktober fanden die alljährlichen Münchner Medientage statt, Europas größter Medienkongreß, der 450 Referenten in hundert Veranstaltungen versammelte und über 6200 Besucher zählte. Während in früheren, vordigitalen Zeiten hauptsächlich inländische Rundfunkfragen verhandelt wurden, hat sich das Themenspektrum im Zuge der medialen Globalisierung erheblich ausgeweitet. Nun wird intensiv über die „omni-connected“ Medienwelt, Netzpolitik und das Internet der Dinge diskutiert, und wenn man manchen Prognostikern glauben will, führt der Weg „von Online First zu Online Only“ und insgesamt zu „Bettertainment“.

Auch die aktuellen Debatten um „Ad-Blocker“, „Predictive Analysis“, die Sharing Economy und „Smart Data“ wurden aufgegriffen. Und wie man sieht, hat auch die Flut der Anglizismen weiter zugenommen, weil all diese Entwicklungen nicht hierzulande wachsen, sondern importiert werden und die inländischen Medienhäuser ihnen allenfalls folgen dürfen.

 Medientage 2015: Digitale Disruption

Die Zukunft des Fernsehens

Was wir heute über die Zukunft des Fernsehens wissen sollten – wollte uns beispielsweise eine Diskussion von M7 nahebringen – mit offenbar zuverlässigen Verbindungen zur Zukunft. Jedenfalls stehe Fernsehen 4.0 bevor, meinte Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts Workshop – und wischte auch gleich den Glauben beiseite, dieses Fernsehen hätte noch viel mit dem jetzigen zu tun. „Das Fernsehen der Zukunft ist ein Auto“ behauptete er forsch mit Blick auf die Autonomisierung der Fahrzeuge im Straßenverkehr – eine Angelegenheit, die freilich erst nach 2020 vorsichtig beginnen wird. Die fortschreitende Personalisierung digitaler Umgebungen verdichtete Steinle in der „Me-Cloud“, also der Ich-Wolke, in der ein „Digividuum“ seine Angelegenheiten verwaltet und mit dem Rest der Person, falls es diesen noch gibt, koordiniert; aus anderer Perspektive nennt man das auch Filterblase. Schließlich sei dereinst die Optimierung der Medienwirkung durch Hirnstrommessung – oder allgemein: neurowissenschaftliche Verfahren – zu erwarten.

 Medientage 2015: Digitale Disruption

Big Data

Zwei wichtige IT- und Netzthemen wurden gestreift, wenn auch nicht ausdiskutiert, Big Data und Netzneutralität. Das Grimme-Institut (das den gleichnamigen Medien-preis vergibt) stellte mit dem Thema „Kreativität oder Big Data – Wer entscheidet über unsere Medienzukunft?“ sein neues Forschungskolleg vor, das in Zusammen-arbeit mit der Uni Köln operiert, aber ohne externe Fördermittel aus¬kommt. Die Frage richtete sich an zwei sehr unterschiedliche Medienanbieter, den Streaming-Dienst Spotify, vertreten durch Stefan Zilch, und einen öffentlich-recht¬lichen Radiosender, in diesem Falle den Hörfunkdirektor des HR, Dr. Heinz Sommer. Naturgemäß redete man höflich etwas aneinander vorbei und betonte, einander nicht ins Gehege zu kommen. Sommer hielt Spotify für eine legitime Ergänzung zum Radio und Anregung für Radiomacher, pochte aber auf die lokale und regionale Kompetenz des klassi¬schen Radios und befürchtete durch algorithmengesteuertes Programm langfristig die Gewöhnung an Filterblasen. Zilch hielt ein Streaming-Programm ohne Big-Data-Infrastruktur zwar für möglich, aber nicht weiterführend. Aus den nutzereigenen Daten ließen sich durchaus Überraschungsmomente gewinnen, und dies habe kürzlich ein Versuchsballon seines Unternehmens gezeigt. In diesem „Mix“ werde jedem Nutzer aufgrund seiner Hörhistorie eine Programmliste vorge¬schlagen, die ihn mit neuen Titeln bekannt macht, die ihm gefallen könnten. Die Idee ist weder neu, noch schlecht, hat aber doch ihre Grenzen, wie der Bericht-erstatter, dem eine solche Liste ebenfalls zugespielt wurde, im Detail darlegen könnte.

Wichtiger scheint eine strategische Betrachtung zu sein, wie sie Boris Lochthofen, RegioCast, andeutete. Auch schon früher habe es eine Mediaanalyse zur Zielgrup-penerfassung zwecks Werbevermarktung gegeben. Was damals eine „Kontaktwahr-schein¬lichkeitsvermarktung“ war, werde jetzt im Zuge der Personalisierung – die eine unmittelbare Folge der Digitalisierung ist – zu einer Kontaktvermarktung. Anders gesagt: Streaming ermöglicht eine Art flexibilisiertes Formatradio.

In Print steht übrigens das gleiche Problem an, mit Datenjournalismus, computer-generierten Texten und „predictive analysis“, wozu einschlägige Podiums¬diskus-sionen und Vorträge stattfanden. Auch dort zeigt sich die gewissermaßen invasive Eigenart der Digitalisierung, Handlungskonzepte und Tätigkeiten von innen aufzubrechen.

 Medientage 2015: Digitale Disruption

Netzneutralität

Im Rahmen des erstmals stattfindenden Europa-Tages kümmerte sich das Europäische Institut für Medienrecht u.a. um die Netzneutralität. Die entsprechende Abstimmung im EU-Parlament stand damals noch kurz bevor, doch die Frontlinien bleiben nach wie vor gültig. Prof. Dr. Nikolaus Forgó, Rechtsinformatik Uni Hannover, goß seinen austriazistisch gefärbten Spott über die EU-Regularien und -Entwürfe aus und machte als Gewinner solcher Wirrnis die nationalen Regulierungsbehörden namhaft. Thomas Lohninger vom AK Vorrat Österreich legte seinerseits die mit der EU-Strategie verbundenen Nachteile und Freiheitseinschränkungen dar und erinner¬te an den ganz simplen Sachverhalt, daß mit der Bevorzugung einzelner Dienste unvermeidlich eine Verknappung an anderer Stelle einhergehe (denn wenn das Internet genügend Kapazität für alles hätte, bräuchte man ja keine Bevorzugung). Die Sprachregelung, mit der die Netzanbieter die Aufhebung der Netzneutralität kaschieren werden, war auch schon zu vernehmen. Dr. Isabel Tilly, Vodafone, ver¬langte nach „flexiblen Geschäftsmodellen“, will sagen Tarif- und Abrechnungs¬modellen auf höherem Preisniveau. Solche „Flexibilität“ hatte man gerade erst an den Tag gelegt, als man kurz nach Übernahme der KDG dort die Preise erhöhte. Alexander Scheurer, Deutsche Telekom, wollte die Dinge sich ebenfalls (ohne „vorschnelle“ gesetzliche Regulierung) sich entwickeln lassen und hielt das Instru¬ment der Nichtanrechnung (neudeutsch „Zero-Rating“) bestimmter Verkehrsvolumina für legitim.

 Medientage 2015: Digitale Disruption

DVB-T2

DVB-T2, der Nachfolger des derzeitigen digitalen Antennenfernsehens, steht in den Startlöchern, oder, wie man neudeutsch heute sagt: „Terrestrik reloaded: DVB-T2 zwischen Trial und Launch“. In einer von der federführenden Media Broadcast angebotenen Veranstaltung wurden weitere Details zur Einführung genannt, die ja im kommenden Frühjahr beginnen wird. Wolfgang Breuer als Geschäftsführer der Media Broadcast erläuterte in seinem ebenso gnadenlosen wie wohltuenden Realismus das Konzept und seine Erfolgsaussichten. Der einstige Versuch mit verschlüsseltem DVB-T sei an fehlendem Mehrwert gescheitert. Nun aber könne DVB-T2 als Verschlüsselungsplattform auf dem von HD+ bereiteten Boden aufbauen und mit HD auch einen sichtbaren Mehrwert bieten. Die Integration entsprechender Dekoder für das „Überallfernsehen“ in Smartphones werde man dagegen nicht erleben, denn dann würden die Nutzer ja merken, daß es die Bewegtbildinhalte, die sie beim Mobilfunkanbieter teuer bezahlen müssen, auch umsonst gibt. An Tabletts, die üblicherweise zuhause im WLAN betrieben werden, kann man sich den Fernsehempfang jedoch gut vorstellen – aber natürlich nicht bei Apple, die bekanntlich in einer anderen Umlaufbahn kreisen. Als wichtigen Erfolgsfaktor nannte Breuer die für die Sender nun mühelos herstellbare „Endkundenbeziehung“, also den adressierbaren Zuschauer.

Öffentlich-rechtlich darf man noch anonym fernsehen. Das ZDF wird alle seine Programme einspeisen. Bei der ARD sind noch strategische Fragen zu klären, nämlich ob und wieviele HD-Kanäle man anbieten wird. Unentschieden ist in dieser Hinsicht auch noch Sat1. Den Regulierer, in diesem Falle Martin Deitenbeck von der Sächsischen Landesmedienanstalt, plagt dann noch die Not, daß er 2 Mbit/s für regionales und lokales Fernsehen bekommt. Daß die Chips fertig sind, auch für den Einbau im Auto, bestätigte für Sony Markus Zumkeller.

 Medientage 2015: Digitale Disruption

Digitalradio

Wie eine Insel der Seligen (oder der seligen Ignoranz) nahm sich vergleichsweise die deutsche Hörfunklandschaft mit ihrem Digitalradioproblem aus. Hier war noch nicht einmal eine digitale Disruption, sondern in deutscher Konsensdemokratie eine digitale Evolution mit langem Simulcast und sozialer Absicherung geplant gewesen. Der Ertrag läßt sich in jedem Jahr auf den Medientagen bilanzieren. Diesmal hätte man 20 Jahre DAB-Regelbetrieb feiern können (ist DAB seither zur Regel geworden?). Statt dessen mußte man sich Mut machen. „Digitalradio: Auftakt zum Endspurt!“ hieß die entsprechende Veranstaltung, die freilich von einem Jubiläum nichts wissen wollte. Im Gegenteil: die Gastrednerin Dorothee Bär, Staatssekretärin beim Bundesverkehrsministerium, mußte sich für ihr Erscheinen und Wirken gewissermaßen entschuldigen, da die Einmischung des Bundes in die von den Ländern zäh verteidigte Rundfunkhoheit stets mit Mißtrauen verfolgt wird. Dabei ist das von ihr im Frühjahr initiierte Digitalradio-Board sicherlich ein konstruktives und notwendiges Gremium (wie die früheren Gremien desselben Zwecks auch). Und so äußerten sich die meisten Beteiligten auch konstruktiv. Deutschlandradio-Intendant Willi Steul, seit langem engagierter Verfechter von DAB und auch an einem UKW-Abschalttermin interessiert, lobte Bärs Board, Dr. Ulrich Liebenow (MDR) skizzierte namens der ARD die Ausbau- und Migrationsphase, und Dr. Gerd Bauer als Vertreter der Landesmedienanstalten erwartete einen Erfolg, wenn nur die Länder mit genügend Energie herangingen.

Da zeigte sich dann auch schon der Pferdefuß. Bauer verlangte eine Übernahme der Simulcast-Kosten für seine Klientel, das Privatradio, und Schunk, VPRT, forderte ungeniert einen bei der KEF angesiedelten Digitalisierungsfonds. Weiters wünschte er sich die unveränderte Kleinraumversorgung im Lokalradio, die in DAB aufgrund der anderen Sendernetztopologie schwierig ist. Er lehnte also die digitale Disruption, die auch neue Konkurrenzverhältnisse mit sich brächte, ab, um die etablierten Geschäfte und Geschäftsmodelle zu schützen. Zur neuen Konkurrenz zählte er auch die von der ARD in ungebremster Expansion neu propagierten Radiosender – ein schon länger bekannter, nun vor technisch neuem Hintergrund wiederholter Vorwurf. Darüber hinaus stellte er die Exklusivität des Digitalradios in Frage – ohne ein Wort darüber zu verlieren, daß dort die Verbreitungskosten am geringsten sind, während eine Internetverbreitung keine Alternative darstellen kann. Nicht einig war er sich auch mit Dr. Klaus Illgner-Fehns, IRT, dessen Kleinleistungssender (für die Abbildung der UKW-Lokalradios) er für nicht praxisnah oder verfügbar erklärte. So ging man in der Überzeugung auseinander, daß die gemeinsame Sache wohl schon irgend wie weitergehen werde und die offenen Fragen anderswo gut aufgehoben wären.

+ Link: Medientage 2015 

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