IFA 2015 Rückblick: Soviel Zukunft war noch nie …

11. Oktober 2015 | by Gerhard Bachleitner

Sony - großer Auftritt eines bröckelnden Riesen

Die IFA 2015 verlief für alle Beteiligten höchst erfolgreich. Die Branche ist wieder zuversichtlich, das Ordervolumen erfreulich, die Auslastung der Messe maximal, die Anzahl der ausländischen Fachbesucher liegt erstmals über derjenigen der einheimischen. Dass sich die IFA als „offizieller Partner der Zukunft“ bezeichnet und damit auf eine bei Sportveranstaltungen eingeführte Praxis anspielt, ist mehr als ein netter Gag.

Viele Geräte auf der Messe sind tatsächlich Zukunft, und zwar eine, die vielleicht nie kommen wird. Genau genommen werden immer viele Zukünfte vorgestellt, und an den Besuchern und Händlern liegt es letztlich, welche davon Gegenwart werden.

UHD - der Massenmarkt wird erreicht

UHD: Massenmarkt ist erreicht

Das bereits im Vorjahr dominierende Thema des ultrahoch auflösenden Fernsehens hat nun eine stabile Gerätebasis erhalten. Die Geräte ohne HEVC-Dekoder sollten mittlerweile aus der Produktion verschwunden sein, wenngleich sie im Handel vermutlich noch auf Käufer warten. In der aktuellen Produktion versucht man freilich, dem potenziellen Käufer die Sinne mit „Nanopartikeln“ und „Quantenpunkten“ zu vernebeln. Immerhin kann der Kunde angesichts solcher sicher sein, daß die Basistechnik für alle Hersteller die gleiche und problemlos einsetzbar ist.

Ob man dann ein Gerät mit gebogenem Bildschirm nimmt, oder zum Bildformat 21:9 greift – was dann 5 k-Auflösung zur Folge hat, oder, wenn man gleich bei 8 k einstiege, zu 10 k Inhalt führt -, ist nur noch eine Frage von Geschmack und Geldbeutel.

Um so mehr hielt man nach Inhalten über den bereits etablierten Astra-Demokanal hinaus Ausschau. Tatsächlich wurde kurz vor der IFA der Modekanal „Fashion 4k“ aufgeschaltet, der Elektronik-Versender Pearl folgte mit Pearl TV, und für Oktober ist der Start von Insight TV vorgesehen, das sich mit interaktivem Programm und sozialer Netzwerkerei profilieren möchte.

Mehr 4k-Inhalte im Internet

Der andere derzeit zur Verfügung stehende Verbreitungsweg für 4k-Inhalte, das Internet, setzt beim Empfänger eine gute Breitbandversorgung voraus. Für Netto-Datenraten von 8-16 Mbit/s müsse man eine Netzanbindung mit 25 Mbit/s brutto fordern, meinte etwa Sebastian Lukaszyk, der das Telekom-Portal Videoload betreut.

Wie viel Pioniergeist das neue Format auch von den Veranstaltern erfordert, schilderte sehr anschaulich der Chef von Pearl, Dr. Michael Sichler, in einem Vortrag bei der Deutschen TV-Plattform.

Er ging so weit, zu resümieren, daß sich der Umstieg auf UHD als Schnapsidee erwiesen habe, d.h. er würde diesen Leidensweg nicht nochmals gehen wollen. Jedenfalls taten sich allenthalben bei der Programmkontribution Flaschenhälse auf, und nur mit knapper Not und einem australischen Lieferanten sei die zeitgerechte Fertigstellung des Projektes möglich geworden.

Gleichwohl nutze man die Möglichkeiten des hochauflösenden Formates eingehend und drehe neue Produktvideos. Sichler betonte, daß die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen an so detailreiche, überall scharfe Bewegtbilder in dieser Größe nicht angepasst sei. Leicht stelle sich Überforderung ein, und demzufolge sei ein langsamer Bildfluß, nicht selten in Form von Zeitlupe, zu empfehlen.

HDR - ein Fernziel will Gestalt annehmen

HDR: Phase 2 des UHD-Standards

Ziemlich zusammenhanglos taucht die neue Bildverarbeitungstechnik und visuelle Ästhetik namens HDR im Geräteangebot der TV-Hersteller auf und wird oft genug nicht einmal überzeugend präsentiert. Der Laie könnte meinen, es sei eine der zahllosen Bildverbesserungstechniken, wie sie unter verschiedenen Namen, aber von allen Herstellern meist gleichzeitig, seit Jahrzehnten angepriesen werden.

Dass es sich in Wirklichkeit um einen wichtigen Bestandteil der Phase 2 des UHD-Standards handelt, der systematisch erschlossen werden muß, wird kaum vermittelt, auch nicht, welche physiologischen Grundlagen das in der Photographie schon seit einiger Zeit praktikable Verfahren hat. Scheinbar ohne Zusammenhang damit steht auch jenes kleine a, mit dem der in der TecWatch-Halle beheimatete HDMI-Stand warb: HDMI 2.0a.

Tatsächlich bedeutet dieses a die Fähigkeit, HDR-Parameter auszuwerten. Wenn zum Jahreswechsel die UHD-Bluray auf den Markt kommen wird – jedoch zurst in den USA, in Deutschland wohl erst zum März 2016 -, wird sie auch HDR unterstützen. Hanno Basse, 20th Century Fox, verbreitete in einer Podiumsdiskussion der Deutschen TV-Plattform viel Optimismus und versicherte, daß alle Neuproduktionen bereits diese Möglichkeiten berücksichtigen.

Man sei auch bestrebt, durch ein Zertifizierungsverfahren mit Logo verläßliche Rahmenbedingungen für den Verbraucher zu schaffen. Dem stehe auch nicht entgegen, daß sich mittlerweile zwei UHD-Allianzen gebildet haben, in deren einem, der UHD-Alliance, sein Unternehmen vertreten sei.

Philips - Rückkehr zum Lampenladen

HDR und Kinoästhetik?

Über den Einfluß von HDR auf die Kinoästhetik, die ja vom jeweiligen Studio maßgeblich mitbestimmt wird, konnten wir noch nichts erfahren, wohl aber von Stefan Heimbecher, Sky, Aufschluß über die Normierungsproblematik erhalten. Als HDR-Gradationskurve, wenn man so sagen darf, wird bei der UHD-Bluray der bereits vor einem Jahr diskutierte Vorschlag Dolby Vision zu Grunde gelegt. Dieser ist nicht abwärtskompatibel, d.h. ein derart kodierter Film wäre bei Ausstrahlung kein gutes UHD mehr.

Das physische Trägermedium kann sich eine solche Inkompatibilität leisten, weil ohnehin ein neues Gerät angeschafft werden muß – oder anders herum formuliert: damit ein neues Gerät angeschafft wird, nimmt man ein inkompatibles Verfahren. Für die Ausstrahlung ist dies aber nicht akzeptabel, denn im Extremfall würde dies für einen Sender eine Nötigung zur Vierfachausstrahlung bedeuten, SD, HD, UHD und UHD-HDR.

Weit zurück liegt hier jene kluge und dem Verbraucher dienliche Konzeption einer Synchronen Digitalen Hierarchie, wie sie in den 90er Jahren vorgeschlagen wurde, um die absehbaren Entwicklungsschritte der digitalen Ausstrahlung jeweils kompatibel realisieren zu können, indem man die jeweils zusätzlichen Daten in einen eigenen Bereich des Datenstroms packt, der das ältere Empfangsgerät nicht stört.

Statt dessen herrscht die amerikanische Ex&hopp-Strategie. Nun müssen sich also weltweit die Fernsehsender um eine erträgliche Alternative zum Dolby-Visions-Verfahren bemühen und diese wohl zusätzlich in den Endgeräten implementieren (lassen). Außerdem sind Vereinbarungen für unterschiedliche Leistungsmerkmale von Monitoren nötig, also für den Fall, daß ein Monitor weniger oder mehr kann, als die Norm erwartet.

Diese Überlegungen sind noch im Gange, und wir werden wohl eine weitere IFA abwarten müssen, ehe hier Klarheit besteht und auch die Endgeräte auf den nötigen gemeinsamen Stand gebracht werden können.

Sony - großer Auftritt eines bröckelnden Riesen

Sony: Großer Auftritt eines bröckelnden Riesen

Sony wartete wie stets mit einer bombastischen, mit ihrem Überwältigungsbestreben aber auch ermüdenden Show auf. Die Produktpalette ist nach wie vor beeindruckend, doch gab man auch zu, in den letzten Jahren mit „Restrukturierung“ beschäftigt gewesen zu sein.

Technologisch sah man sich weiterhin an der vordersten Linie, mit ultradünnen UHD-Fernsehern, HDR, hochgerüsteten Digitalkameras einerseits mit 20facher Zeitlupe, andererseits einer Belichtungszeit bis zu 1/32.000 sek.

Das Smartphone Xperia Z5 exponiert sich mit 4k Auflösung und schnellstem Autofokus, doch wurde recht schnell bekannt, daß diese Auflösung intern nicht durchgängig gerechnet, sondern nur skaliert wird.

Im Audiobereich propagiert Sony weiterhin „Hi-Res-Audio“, also erhöhte Abtastrate und Bittiefe. Kopfhörer versprechen intelligente Geräuschminderung. Schließlich legte man noch ein Ideenfindungsprogramm namens „Seed Acceleration Program“ auf, das offenbar die im Konzern verloren gegangene Kreativität per Verordnung wieder herstellen soll.

Bemerkenswert ist, daß man die von Google erst einmal zurückgestellte Entwicklung einer Datenbrille aufgegriffen hat und offenbar originell weiterführt. Schon das Design des Prototypen überzeugt, und mit etwa 600 Euro kostet es auch nur halb so viel wie seinerzeit das Google-Modell. Angesichts von Sonys Qualifikation bei den Computerspielen ist eine sinnvolle Ausarbeitung der VR-Möglichkeiten zu erwarten.

Metz aus China

Metz: Revival mit Hilfe aus Fernost

Wie Phönix aus der Asche erhob sich die Metz AG bei der IFA 2015 und trat unter dem Doppelnamen Metz Skyworth auf. Skyworth zeigte am Stand u.a. einen riesigen 8k-Fernseher und etliche gebogene UHD-TVs.

In der Pressekonferenz bezeichnete Metz-Ceo Norbert Kotzbauer den schmalen Grat, auf dem man sich mit der Fusion bewegt, sprach von Skyworth als dem Partner, der in diesem Falle zugleich Eigentümer sei. Der bisherige Vertriebskanal Fachhandel habe bereits wohlwollende Zustimmung zum behutsamen Modernisierungskonzept signalisiert. Man wolle den bisherigen Markenkern etwas emotionalisieren und leicht verjüngen. Der Standort Zirndorf werde beibehalten. Auf die Frage nach dem verbleibenden Eigenanteil nannte er das Gehäusematerial, Lautsprecher und die „Bedienphilosophie“. Nun ja, das mag man als „Verringerung der Fertigungstiefe“ rechtfertigen…

Tangzhi Liu stellte die Proportionen von Skyworth in den Raum: 1988 in Hongkong gegründet, im Vorjahr einen Nettogewinn von 3,3 Mrd. Hongkong-Dollar, in China in mehreren Segmenten Marktführerschaft noch vor Hisense und TCL. In fünf Jahren will man unter den drei größten Anbietern weltweit sein.

Weshalb aber Metz? Skyworth war bisher schon in Europa tätig, und zwar im Massengeschäft. Von 2013 auf 2014 ergab sich ein Geschäftsrückgang von 13 auf 11%. Offensichtlich bot Metz die Gelegenheit, mit einer High-End-Marke das Europa-Geschäft wieder in Schwung zu bringen und sicherlich auch, gewisse Einschränkungen für einen Importeur zu unterlaufen.

Druckertinte - ein revolutionäres Konzept

Druckertinte – ein revolutionäres Konzept

Nichts weniger als eine Revolution scheint sich in der Druckerproduktion anzubahnen, nicht in der Technik, sondern im Geschäftsmodell. Zur bisherigen Praxis, billige Geräte mit monströser Obstruktionstechnologie zu erhalten und sündteure Tinte kaufen zu müssen, gibt es jetzt eine Alternative.

Die Drucker mit dem bezeichnenden Namen EcoTank haben einzelne Tintentanks für die verschiedenen Farben und können mit Tinte aus Plastikflaschen ungehindert befüllt werden. Auf dem Messestand übernahm diese Aufgabe ein Roboterarm. Auch die Erstausstattung mit Tinte ist nicht mehr Nepp, sondern mit garantierten 4000 Blatt schwarz und 6.500 Blatt farbig so, wie es sich gehört.

Man ist beinahe versucht, dieses neue Geschäftsmodell – das eigentlich das ursprüngliche und einzige hätte sein sollen – die Humanisierung des Druckens zu nennen. Epson selbst wirbt mit dem Motto „exceed Your vision“, was man frei mit „Geh‘ über Deine Erwartungen hinaus“ übersetzen könnte. Fürs Erste werden wir schon zufrieden sein, wenn ein Hersteller erwartbare Leistungen bietet, also Tinte in Flaschen und nicht in hermetischen, doppelt und dreifach verschlüsselten Kartuschen anbietet.

Pearl - elektronische Kleintierhaltung

Pearl macht auf elektronische Kleintierhaltung

Der Elektronikversand Pearl, der auf der IFA seinen Verkaufskanal auf UHD umstellte, kündigte für die nächsten Monate in seinem vor Überraschungen stets überquellenden Katalog wieder einige originelle Produkte an.

Zur Überwachung der eigenen Wohnung schlägt man einen auf Raupen fahrenden und in HD filmenden Roboter vor und nennt ihn passenderweise Home-Security-Rover. Wenn man so will, ist es eine Web-Kamera auf der Walz, zur Ferndiagnose- und -steuerung von Kleinkind, Oma und überkochenden Töpfen auf dem Herd geeignet. Vermutlich wird ihr bald die Wohnungsdrohne Konkurrenz machen, die noch ein wenig flexibler im Raum agieren kann.

Für Autobesitzer dürfte jener Diagnose-Adapter für OBD2 interessant sein, wie ihn auch der TÜV bei der Prüfung benutzt. Man kann also die Schwachstellen im Wagen schon vorab ermitteln.

Beachtliche Preispunkte werden ein Profi-Multifunktionslaserdrucker (100 Euro), ein DAB-Radio (23 Euro), ein Videoprojektor (60 Euro) und eine zwischen Analog- und Digitaldarstellung umschaltbare Smart-Watch (50 und 70 Euro) erhalten. Letztere soll für 3 Wochen Akkulaufzeit ausgelegt sein.

Ein Stirnband mit eingearbeiteten Kopfhörern läßt sich im Sport und vielleicht zum Einschlafen nutzen.

+ Links: IFA 2015 | Fotos: TechFieber.de/MomentiMedia, LG (Drittes Foto von oben)

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