Nachklapp Medientage München 2014: Wege zur digitalen Selbstverständlichkeit

10. November 2014 | by Gerhard Bachleitner

Medientage München 2014 - Wege zur digitalen Selbstverständlichkeit

Die zum 28. Male stattfindenden Medientage München hatten sich eine Auffrischung verordnet, die erkennbar dem Zeitgeist verpflichtet war. Die vermeintlich schwerfällige „Elefantenrunde“ mit dem durchaus anstrengenden Panorama auf die deutsche Medienpolitik wurde zu einem schlankeren „Fernsehgipfel“ eingedampft, die Diskussion durch einen geeigneten Moderator zu einer eher harmlosen Talkshow entschärft – und schmerzlich vermißte man die frechen Fragen des einstigen Elefantendompteurs Markwort.

Die traditionelle Standort-Arie des Ministerpräsidenten wurde durch die Simulation eines Interviews ersetzt, in dem die Journalistin lediglich Stichworte abzuliefern hatte.

Zur digitalen Lage der Nation

Immerhin äußerte sich Telekom-Chef Timotheus Höttges in seinem Grundsatzreferat engagiert und machte auf die seit längerem schwelenden Mißverhältnisse in seiner Branche aufmerksam, die später im Podium über die Netzneutralität aufgegriffen wurden. Die amerikanischen Netzwerkmonopole hielt er für gefährlich und naturgemäß den Wettbewerb verzerrend. Die Programmveranstalter, Inhalteanbieter im linearen Modus, wie man heute wohl sagen müßte, schienen wiederum in Schockstarre vor den Distributoren des nichtlinearen Fernsehens zu geraten. Nicht nur, daß ihnen ihr bisheriges Publikum dorthin abzuwandern drohe, wo eine zeitsouveräne Nutzung möglich sei. Auch die Datengrundlage für Planung und Vermarkung des Programms werde durch die sehr viel genaueren Daten der Internetdistributoren überholt. Den etwa zehntausend Haushalten bei der traditionellen repräsentativen Zuschauererhebung stünden die stets die Nutzergesamtheit minutiös erfassenden Daten der Youtubes und Netflixes gegenüber. Der Zuschauergeschmack läßt sich also jederzeit genau abbilden und insofern das Risiko bei der Inhalteproduktion minimieren. Netflix ist, wenn man so will, eine Big-Data-Anwendung, als Firma im Bewegtbildgeschäft realisiert.

So verwunderte es nicht, daß Höttges für eine maßvolle Nutzung von Big-Data plädierte und eine „Veredelung“ erfaßter Daten für unverzichtbar hielt. Big-Data wollte er als „Smart-Data“ verstanden wissen – wobei die Smartheit, d.h. der Nutzen ihrer individualisierten Erhebung, ausschließlich auf Seiten der Datenerfasser liegt, eine Selbstverständlichkeit, die nicht eigens thematisiert zu werden brauchte. Unternehmen „verstehen“ aufgrund von Big-Data den Kunden besser – so lautet die Sprachregelung dafür.

Medientage München 2014 - Wege zur digitalen Selbstverständlichkeit

Wachstum vs. Netzneutralität?

Eher enttäuschend verlief trotz der animierenden Moderation von Werner Lauff die Diskussion zur Netzneutralität, von der man sich angesichts der Teilnehmer mehr erwartet hätte. Zu wenig konkret wurden die Argumente der Befürworter und Gegner, und man schien lieber mit Gesinnungen hantieren zu wollen. Nicht zuletzt die Abwesenheit der großen amerikanischen digitalen Kolonialherren verzerrte den Diskurs. So mußte denn Conrad Albert von Pro7 den Kopf für die Inhalteanbieter hinhalten, die von den Netzbetreibern, vertreten durch Wolfgang Kopf, Telekom, und Dr. Christoph Clement, Vodafone, für die wachsenden Verkehrs- und Infrastrukturkosten in die Pflicht genommen werden wollten. Naturgemäß lehnte Albert eine Kostenbeteiligung ab, doch sein Verweis auf eine Finanzierung aus Steuermitteln konnte ebenso wenig überzeugen. Im nationalen Rahmen könnte man sich zwischen einheimischem Medienhaus und einheimischem Netzbetreiber sicherlich auch noch einigen, aber solch (menschen-)freundliche Überschaubarkeit ist ja schon lange nicht mehr gegeben.

Desungeachtet sollte auch deutlich zwischen Mobilfunk und Festnetz unterschieden werden. Beim Primärnetzbetreiber Telekom darf man hinreichende Investitionsressourcen vermuten und wird strategische Fehlentscheidungen (etwa der nachmals als nutzlos deklarierte Glasfaserausbau „OPAL“ in den neuen Bundesländern oder das verkorkste US-Abenteuer mit der Mobilfunk-Tochter) bestraft sehen wollen. Die von Clement für Vodafone vorgebrachten Klagen sind freilich ebenfalls nicht überzeugend, haben die Mobilfunker die UMTS-Lizenzen seinerzeit doch zweifellos aufgrund entsprechender Geschäftspläne zur Refinanzierung durch Gebühren ersteigert. Wenn man mobilen Datenverkehr als Standardnutzung in der Gesellschaft durchsetzen will und sich dann wundert und ärgert, sobald die Entwicklung tatsächlich so verläuft, stimmt offenbar etwas in der Geschäftsstrategie nicht. Wer Netzverkehr haben will, muß naturgemäß auch Netze dafür haben – und wenn man dafür keine kostendeckenden Preise nehmen kann, hat man falsch kalkuliert. Daß gerade die Inhalte, deren Anbieter keine entsprechenden Gebühren bezahlen, den stärksten Netzverkehr verursachen, ist, je nach Betrachtung, Geschäftsrisiko, unzulängliche Kundeneinschätzung oder Folge einer Verkennung der Natur des Digitalen.

Der Versuch des auch im Verbraucherinteresse auftretenden Netzaktivisten Markus Beckedahl, www.netzpolitik.org, die Netzneutralität zu einem politischen Grundrecht zu erklären und dadurch allfälligem Geschäftskalkül zu entziehen, wird freilich ebenso wenig aus der im Untertitel der Diskussion angesprochenen „Wachstumsfalle“ führen. Die diskriminierungsfreie Individualkommunikation mag man mit solchen Forderungen durchaus legitim schützen oder einklagen, doch die Zweckentfremdung dieses Netzes für großvolumige Verteilkommunikation audiovisueller Inhalte wird man schwerlich mit der selben Logik rechtfertigen können. Am Ende lehnten sich die Beteiligten an die von der Politik ausgegebene Formel der Ex-post-Regulierung an, die freilich nichts anderes als eine Problemverschiebung darstellt, weil man die Verteilungskonflikte nicht offen austragen will.

Breitbandausbau

Wie der Breitbandausbau im Einzelnen vor sich geht oder doch gehen sollte, untersuchte ein eigener, umfangreicher Breitband-Internet-Tag, ebenfalls unter der Leitung von Werner Lauff. Den größten Anteil hatten „Best-Practice“-Beispiele, mit denen das Engagement der beteiligten Firmen und Institutionen ins Licht gerückt wurde. Eingangs erläuterten Vertreter des bayerischen Finanzministeriums und des Bundesverkehrsministeriums ihre jeweils gut dotierten Initiativen, und der Netzausrüster Ericsson führte nochmals die Notwendigkeit – oder vielleicht doch nur Wünschbarkeit – einer breitbandig vernetzten Gesellschaft mit dem 5G-Mobilfunknetz vor. Aus dem Publikum kamen als Kommentare indes ernüchternde Sachverhaltsfeststellungen zu den Lücken im derzeitigen Netz und dem unerbittlichen ökonomischen Kalkül, das oft genug den Anschluß noch verhindert.

Medientage München 2014 - Wege zur digitalen Selbstverständlichkeit

DVB-T2 ist da

Wie real DVB-T2 bereits ist und wie genau es jetzt in den Migrationsplan paßt, bewiesen zwei Exponate auf der begleitenden Ausstellung. Die Media Broadcast hatte sich von LG einen UHD-Fernseher leicht modifizieren lassen, so daß nun der ohnehin eingebaute HEVC-Dekoder auch für den terrestrischen Empfangsweg nutzbar wurde. Die Gerätehersteller haben bisher diese Entwicklungslinie gar nicht in den Blick genommen und die Fernseher noch nicht dafür ausgelegt. Es ist nur zu hoffen, daß nun das pionierartige deutsche Migrationsvorhaben zu einer entsprechenden Änderung der Gerätekonfiguration führt. Unbequem ist nur, daß die neuen Dekoder erst einmal nur in den teuren UHD-Fernsehern verbaut werden, die DVB-T2 am wenigsten brauchen. Am Ende aber könnte die Verwendung in zwei unterschiedlichen Gerätepopulationen auch die Massenproduktion beschleunigen und zu geringeren Preisen führen. Die erreichbare Bildqualität in HD ist höchst beeindruckend. Am Stand des IRT wurde das gleiche Ergebnis mit einem Sony-Fernseher und einem separaten Dekoder von Videocolor erzielt.

DAB ist schon länger da – und UKW könnte bald weg sein

Beim leidigen Thema Digitalradio wählte man gleich die europäische Perspektive und diskutierte im Rahmen der EBU unter der Leitung des BR-Hörfunkdirektors Ulrich Wagner das Thema „Smart Radio in Smartphones – warum Radio mobil bleiben wird“. Die in Europa recht unterschiedlichen Zugänge und Zeitpläne für DAB mochten als Trost und Ermutigung für die hierzulande schleppende Einführung gedacht gewesen sein – das Wichtigste war der Sprengstoff, den Jörn Jensen aus Norwegen mitbrachte: den seit 2011 festgelegten Abschalttermin für UKW. 2017 werden die unerschrockenen Wikinger diese Herausforderung bewältigen, und wenn man Jensen zuhörte, konnte man glauben, daß es die natürlichste Sache der Welt sei. Die Verbreitung von 14 DAB-Programmen koste etwas weniger als diejenige von 3 UKW-Programmen. Man erhalte also mühelos eine große Angebotsvielfalt, müsse sie den Hörern aber auch als Anreiz bieten. Kooperation der Marktpartner sei unerläßlich, und eine weitgehend flächendeckende Verbreitung ebenso. Daß die letzten 10% wie bei jeder verstreuten Population am teuersten sind, gab auch Jensen zu, ließ aber an der Zweckmäßigkeit der Migration keinen Zweifel.

Unterschiedlicher Meinung waren die Referenten über denkbare Hybridlösungen. Unverzichtbar ist in jedem Falle ein bruchloser Übergang zwischen Rundfunk und Mobilfunk, wobei der erstere Priorität erhält und nur bei schwachem Signal oder wenn ein Rückkanal benötigt wird in die Individualkommunikation per IP wechselt. Während man sich Digitalradio durchaus symbiotisch mit einem IP-Zugang vorstellen konnte, nicht zuletzt beim Verkehrsfunk TPEG, der so mit einem adressierbaren Kanal alle Möglichkeiten der Regionalisierung und Individualisierung erhielte, war man gegen eine Verbindung von UKW und IP sehr skeptisch. Diese Kombination sieht allerdings in der Gegenwart sehr bequem aus, so daß es nicht leicht sein wird, sie aus der Welt zu schaffen.

Zukunftstechnik schon heute

Einen faszinierenden Ausblick in die nähere Zukunft gaben Vorträge und Diskussionen über „Wearable Devices“, 3-D-Drucker und das Internet der Dinge. Die 3-D-Drucktechnik ist ein Feuilletonthema spätestens, seit damit Waffen hergestellt wurden. Fabuliert wird über menschliche Organe oder wenigstens Spaghetti aus dem Drucker. Kein Märchen, sondern beeindruckende Pioniertat ist jedoch das erste gedruckte Haus, das der Architekt Prof. Peter Ebner, FuturLab of Architecture, vorstellte. Der Begriff Haus ist vielleicht etwas übertrieben. Mit dem größten derzeit verfügbaren Drucker konnte man in zwei Hälften eher ein Gehäuse, einen Container herstellen, der aber produktionstechnisch einzigartig und revolutionär geraten ist.

Das Internet der etwas kleineren Dinge schickt sich an, das „Internet von allem“ zu werden, sieht derzeit aber eher wie eine Ansammlung von Baustellen aus. In der entsprechenden Podiumsdiskussion wurden bekannte Untote aus dem Keller geholt, das Smart Home, die Smart City, Industrie 4.0, der aufgeklärte Prosument etc. Zwei Strukturen bremsen den Fortschritt nachhaltig: die fehlende Interoperabilität bei der Vernetzung der Dinge und das gewaltige Datenschutzproblem. Wobei diese beiden Strukturen vermutlich sogar komplementär sind. Interoperabilität könnte vermutlich nur ein dominant-diktatorischer Monopolist erzwingen, und dann ist der Datenschutz mit Sicherheit dahin. Wer wollte sein smartes Heim von Google verwalten lassen?

Medientage München 2014 - Wege zur digitalen Selbstverständlichkeit

+ Link: Medientage München

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