IFA-Nachlese | Die Ultra-Funkausstellung: IFA 2013 ganz im Zeichen großer Bildschirme

6. Oktober 2013 | by Gerhard Bachleitner

Die Ultra-IFA: Funkausstellung 2013 im Zeichen großer Bildschirne

Dass die IFA 2013 so eindeutig vom Thema Ultra-HD dominiert wurde, überraschte zunächst ein wenig, erklärte sich aber u.a. daraus, daß die Bildschirme ja nur von ganz wenigen Herstellern gefertigt werden. Je nach Endgeräteanbieter kommen dann sehr unterschiedliche Preisvorstellungen heraus. Aus Amerika, wo stets gerne auch Ramsch verkauft wird, hört man von einem 39-Zoll-Gerät eines unbekannten chinesischen Herstellers namens Seiki für 700 $.

Dies wird natürlich nie nach Deutschland kommen, zeigt aber die im Produktionsprozeß steckende Dynamik. Der hierzulande bislang noch kaum bekannte Hersteller Hisense steigt mit 2000 Euro für 50 Zoll ein. Toshiba hält sich viel darauf zu Gute, mit 3000 Euro für 58 Zoll einzusteigen, die übrigen belassen das Thema erst einmal in der Hochpreisregion.

Strategische Fragen zu Ultra-HD

Obwohl UHD aufgrund der Ankündigungen im letzten Jahr erwartet werden musste, hat es die Branche damit auf eine nicht unbeträchtliche Konfusion in den Köpfen der Kunden ankommen lassen.

Es überschneiden sich nämlich drei Entwicklungen: die Vermehrung der Pixel durch UHD, die Einführung der selbstleuchtenden OLEDs mitsamt deren neuem „Formfaktor“ des gekrümmten, oder freundlicher gesagt geschwungenen Bildschirms und der Rückzug von 3-D.

Zugleich weiß man aber, daß 3-D aufgrund von UHD eine neue Blüte in Folge doppelter Auflösung erleben wird. Diese Unübersichtlichkeit hat schon manchen Kommentator zur resignierten Feststellung veranlaßt, daß man in diesem Jahre keine Kaufempfehlung geben könne, etwa: „Why Ultra HD 4K TVs are still stupid“ oder „Warum Sie dieses Jahr keinen Fernseher kaufen sollten!“

Dies ist freilich ebenso wahr wie die Überschrift der „NZZ“, Abwarten kann man immer. Da, wie man aus der Technikgeschichte weiß, eine Technik stets dann ihr bestes Preis-Leistungsverhältnis erreicht, wenn die Nachfolgetechnik schon da ist, läßt sich daraus folgern, daß jetzt der beste Zeitpunkt für den Kauf eines leidlich großen HD-Bildschirmes ist.

Der nächste Perspektivenwechsel mit erschwinglichen UHDs und finanziell erreichbaren OLEDs wird wohl in etwa 5 Jahren eintreten. Dabei muß man der UHD-Technik noch nicht einmal ihren Mangel an Inhalten anlasten, der allerdings prekär ist. Satellitenausstrahlung ist zwar möglich, wird bislang aber natürlich nur für Demonstrationszwecke eingesetzt.

Die verbauten Dekoder decken nur einen Teil der Spezifikation ab. Auch HDMI wurde erst während der IFA in der Version 2.0 verabschiedet, die UHD uneingeschränkt ermöglicht. Die Schnittstelle hatte übrigens einen eigenen Stand auf der IFA. Die Bluray als Speichermedium ist zwar vermutlich geeignet, derzeit aber noch nicht dafür spezifiziert.

Die verschiedentlich geäußerte Erwartung, daß die Inhalte dann übers Internet verbreitet würden, ist ein wenig halsbrecherisch, um nicht zusagen vermessen, angesichts der bekannten und auch schon zu unliebsamen Konsequenzen führenden Engpässe im Netz, das für diese klassische Rundfunkaufgabe nun wirklich am wenigsten geeignet ist. Die Ultra-IFA: Funkausstellung 2013 im Zeichen großer Bildschirne

Der hoffnungsfrohe Konsument wird damit getröstet, daß er ja seine hochauflösenden Digitalfotos auf dem UHD-Bildschirm anschauen kann, und wenn er noch einige weitere tausend Euro in die Hand nimmt, erhält er von Sony eine 4k-Videokamera, deren Aufzeichnung den neuen Fernseher ebenfalls nativ versorgt.

Im übrigen sei die Hochkonvertierung so gut, daß man allemal ein besseres Bild erhalte. Die Computerzeitschrift c’t veranstaltete auf ihrem Stand allerdings einen Blindtest mit den Auflösungen SD, HD und UHD, der zeigte, wie gering die Unterschiede zwischen den beiden letzteren ist. Jedenfalls rechtfertigen sie nicht den derzeitigen Mehrpreis. Es scheint, daß die großen Hersteller selbst nicht ganz von der Zugkraft ihrer Weiterentwicklung überzeugt sind, denn alle beteuern sie, daß die neuen Geräte zukunftssicher, future proof seien. Das sagt man nur, wenn sie nicht gut in die Gegenwart hineinpassen.

Und es ist ein Spruch, den wir seit Jahrzehnten kennen und der immer illusionär war; nie, oder nur zu prohibitiven Aufpreisen, konnte man eine vorhandene Gerätegeneration in die nächste Entwicklungsstufe mitnehmen. Außerdem betrifft UHD vorerst nur den überschaubaren Hochpreismarkt der großen Bildschirme, kann also schon deshalb keine breite Nachfrage stimulieren. Sascha Lange von Toshiba rechnete eilfertig vor, daß die neue Auflösung dem Kunden ein neues Großbilderlebnis bescheren könne, denn auf Grund des halbierten Betrachtungsabstandes könne man nun auch in Zimmer geringerer Größe ausgedehnte Bildschirme stellen. Das Marketing freut sich begreiflicherweise über diese Konstellation, und sie trifft ja auch zu.

Allerdings ist die Immersion als Entwicklungsziel eine zwiespältige Angelegenheit, wie man bei 3-D feststellen mußte. Nicht jedem Betrachter wird gefallen, daß er die hohe Auflösung nur dann voll nutzt, wenn er relativ dicht und konzentriert vor dem Bildschirm sitzt und wenn er vielleicht auch noch den Kopf drehen muß, um alle Einzelheiten in den Blick nehmen zu können.

So funktioniert zwar tatsächlich die visuelle Orientierung in der Realität, aber es keineswegs ausgemacht, ob man das im Fernsehen auch so haben will. Fernsehen als Nebenbei-Medium ist damit nämlich nicht mehr möglich. Täglich vier Stunden Immersion – dann ist man vermutlich weder für ein Familienleben, noch für das Berufsleben tauglich.

Die Ultra-IFA: Funkausstellung 2013 im Zeichen großer Bildschirne

Teufel und Arbeit stecken im Detail

Aber selbst eine voll ausgebaute Übertragungskette vorausgesetzt, bleiben Fragen der Bildgestaltung und Dramaturgie. Stephan Heimbecher, der in der TecWatch-Halle mit sympathischem Eifer die Versuche von Sky vorführte, überraschte mit einem dreigeteilten Bild, die untere Hälfte UHD, in der oberen zwei HD-Bilder. Da es sich um ein Fußballspiel handelt, scheint der Zuschauer an mehrere Perspektiven gewöhnt zu sein.

Tatsächlich aber hat man noch kein Bildführungskonzept und kaum eine Dramaturgie für ein schnell bewegtes UHD. In diesem Falle beschränkt man sich also auf eine statische Totale, während die Spieldynamik von den beiden HD-Bildern geliefert wird. Damit wird der Zuschauer zwar nicht zu seinem eigenen Programmdirektor, wie so oft propagiert, aber er sitzt gewissermaßen in der Bildregie und muß drei verschiedene Blickwinkel verarbeiten. Vermutlich ist das ähnlich anstrengend, wie wenn ein unbedarfter Konzertbesucher die Partitur mitlesen müßte. Von dem von Philips propagierten Extremformat 21:9 weiß man auch, daß zu viel Platz auf dem Bildschirm eher für Schnickschnack benutzt wird. Zu befürchten ist also, daß auch nach Einrichtung einer dauerhaften UHD-Übertragungskette, die noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird, viele HD-Inhalte zusammen mit visuellen Belanglosigkeiten ausgeliefert werden, die den Bildschirm füllen müssen.

UHD ist, wie viele technische Produkte, durch eine ausgedehnte Diskrepanz seiner Komponenten, Schnittstellen und der Aspekte seines „Ökosystems“, wie man neudeutsch zu sagen pflegt, gekennzeichnet. Einen Bildschirm mit mehr Pixeln herzustellen und auf den Markt zu bringen, ist vergleichsweise einfach und, wie oben erwähnt, ggf. auch billig. Dann aber reicht die Schnittstelle nicht mehr, es gibt keine externen Datenträger mit Inhalt und es gibt keine Programmzuführung in Echtzeit, d.h. Live-Übertragung. Auf der Produktionsseite ist es ähnlich: es gibt zwar Kameras, aber der immense Datenstrom überfordert die Produktionsinfrastruktur, und vor allem gibt es keinen Echtzeit-Enkoder, der klassisches Fernsehen überhaupt erst möglich machen würde.

Derzeit benötigt die Enkodierung tausendfache Echtzeit. Heimbecher erwartet einen Echtzeitenkoder daher erst etwa in einem Jahr. Klarheit gibt es bei der Benennung der neuen Fernsehnorm. Mit Ultra-HD ist eine Auflösung von 3840 × 2160, mit 4k das damit eng verwandte Kinoformat 4096 × 2160 gemeint, in dem dann auch produziert wird. Beides ergibt in der Fläche etwas über 8 Megapixel, in Photomaßstäben gemessen also nichts Aufregendes. Nicht außer Acht gelassen werden sollte der deutlich erweiterte Farbraum, der die Natürlichkeit der Wiedergabe verbessert und eine Farbtiefe von 10 bit erfordert, und die Möglichkeit zu Bildern mit hohem Kontrastumfang, die in der Photographie als HDR bekannt sind. Die Pixel werden also, wie sich Thomas Wrede, SES Astra, bei der Diskussion Ultra HD – Beyond HDTV and 3DTV im Rahmen der Deutschen TV-Plattform ausdrückte, nicht nur mehr, sondern besser.

Dies bedeutet, daß das anfallende Datenvolumen mehr als die vierfache HD-Auflösung ausmacht und dann mit der brandneuen Kompression h.265, die man nicht ganz plausibel oftmals als HEVC abkürzt, auf etwa 18-20 Mbit/s begrenzt wird – dereinst, nach Optimierung des Encoders, muß man hinzufügen. Dr. Ralf Schäfer vom HHI gab in der selben Frage den zunächst erwartbaren Datenfluß mit etwa 40 Mbit/s an. Ins Verhältnis gesetzt werden diese Zahlen aber erst, wenn man weiß, von welchem Ausgangspunkt sie erreicht werden. HD liefert 746 Mbit/s Rohdaten, UHD 7465 Mbit/s! Die Farbraum- und Kontrasterweiterung kommt natürlich nur bei nativem Material richtig zum Tragen. Der Zuschauer muß sich also darauf einstellen, daß auch der große Archivbestand an Kinofilmen, der bei den Fernsehsendern liegt, neu in UHD abgetastet werden muß, was bei den im Filmlizenzhandel üblichen langen Lizenzfristen noch viele Jahre Wartezeit bedeuten wird. Auch die digital entstandenen Filme der letzten Jahre werden auf Bluray neu herausgebracht und tragen dann das Etikett Mastered in 4k.

Organische Qualitäten

Die OLED-Bildschirme sind nun reif für den (gehobenen) Massenmarkt. Zu dieser Positionierung paßt die Entwicklung einer konkav gekrümmten Oberfläche, die das sehr dünne Material möglich macht. Man spielt gewissermaßen auf die gekrümmten Leinwände in großen Filmtheatern und IMAX-Kinos an und erklärt diesen Betrachtungsmodus für natürlich. Eine gewisse Ironie in diesem Konzept ist freilich nicht zu übersehen: jahrzehntelang hat man sich bemüht, die Kathodenstrahlröhre flach zu bekommen, und jetzt wird der Flachbildschirm wieder krumm gemacht.

Revue der Hersteller

Panasonic befremdete in seiner Pressekonferenz zunächst mit einem eigenwilligen Verständnis von Fortschritt, das aber außerhalb Deutschlands ganz ungeniert vertreten wird. For a better world lautet vollmundig das Programm, d.h. die Weltverbesserungs- und Welterlösungshoffnung der Religion ist auf Unterhaltungselektronik und IT übergegangen. Europa-Chef Laurent Abadie scheute sich nicht, seine betagte Mutter als Beispiel für ein familieninternes Überwachungsszenario heranzuziehen und dieses als cloud based future zu propagieren. Einerseits ist das qualitativ nichts anderes als ein Bildtelefonat, andererseits scheint Abadie die Kompromittierung fast jeglichen Netzverkehrs durch die aktuellen Geheimdienstskandale überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Die Ultra-IFA: Funkausstellung 2013 im Zeichen großer Bildschirne

Ansonsten sah man sich auf der Höhe der Zeit, d.h. auf dem Stand der Technik. Ein 55-Zoll-OLED-Fernseher in UHD-Auflösung ist im Angebot, mit ebenso viel Pixeln punktet ein 20-Zoll-Tablett-PC. Ein Backofen läßt sich per Spracheingabe steuern, und ein Haartrockner verwendet Nanotechnik.

Sony ließ sich für die Pressekonferenz etwas Besonderes einfallen, das aber zugleich die Schizophrenie und Heuchelei der ganzen Branche zeigte. Die in die Halle tretenden Journalisten wurden von den strategisch postierten Sony-Agenten wie Fußballhelden beklatscht und bejubelt.

Offensichtlich wollte man so good vibrations oder freudige Gefühle hervorrufen. Die Freude legte sich freilich rasch, wenn man in der nicht klimatisierten und überfüllten Halle keinen Platz erhielt. Ähnlich wird im Markt der Kunde vermeintlich umworben – und doch dem Diktat des Herstellers und ggf. seiner Obsoleszenzstrategie unterworfen.

Die Ultra-IFA: Funkausstellung 2013 im Zeichen großer Bildschirne Die Änderungen des

Nutzerverhaltens schlagen sich auch in der Werbeprosa nieder. Da ist allen Ernstes von einer Smart Social Camera die Rede, die social live ist. Damit die gemachten Fotos auch im eigenen Hause bleiben, hat Sony das Portal Play Memories Online eingerichtet, das natürlich nur nach Anmeldung, d.h. Datenauslieferung betreten werden kann. Sehr gut (und besser als Panasonic) positioniert ist man mit dem Angebot an semiprofessionellen 4-k-Camcordern, hinter denen eine hochqualitative professionelle Produktlinie steht.

Originell und innovativ ist auch der Vorstoß zu einer Hybridlösung aus Smartphone und Systemkamera. Sony klemmt ein gutes Fotoobjektiv mitsamt Bildsensor, QX 10 und QX 100 (200 bzw. 450 Euro), vor ein beliebiges Smartphone und benutzt dessen per Funk angesteuerten Bildschirm zur Bildkontrolle. So kann man sich die Mitnahme zweier vollständiger Geräte ersparen und zwischen Standardfotos (mit dem eingebauten Smartphone-Objektiv) und Qualitätsfotos mit dem Sony-Vorsatz entscheiden. Davon abgesehen haben die Smartphone-Objektive inzwischen stark an Leistung zugelegt. Das neue Xperia Z 1 bietet 20 MP – noch vor wenigen Jahren nur von wenigen Digitalkameras erreicht. Samsung sieht die eigenen Produkte als Aufforderung Entdecke die Welt der Möglichkeiten. Bei den Fernsehern bedeutet dies selbstverständlich UHD, geschwungene OLEDs und Multiview (gewissermaßen den Zwei-Programmodus von 3-D).

Mit besonderem Stolz wurde das technisch ehrgeizigste Gerät enthüllt, ein LCD-Bildschirm mit 98 Zoll Diagonale, 250 cm. Bei den Hausgeräten wird die Expansion in Europa mit strategischen Maßnahmen fortgesetzt. Man hat eine Reihe von Sterne-Köchen eingekauft und zu einem Club des Chefs zusammengefaßt. So gewinnt man Einblick in europäische Kochgewohnheiten. Für gutes Design sind Italiener berühmt, und so arbeitet man nun mit Arclinea und B&B zusammen. Philips kümmert sich ebenfalls darum, wie man das Leben der Menschen verbessert.

In der Küche sieht das dann so aus, daß der Home Cooker per WLAN mit Rezepten versorgt wird und angeblich sehr selbständig die richtige Zubereitung hinbekommt. Auch ein Luftreinigungsgerät ist fernprogrammierbar. Bei den Fernsehern wird die erfolgreiche Ambilight-Ausstattung weitergeführt, UHD – ab 65 Zoll – sind selbstverständlich. Lautsprecher gibt es schnurlos, als Türme, als Kugeln, als Soundbar.

Die Ultra-IFA: Funkausstellung 2013 im Zeichen großer Bildschirne

Das bislang für deutsche Hersteller, also Loewe und Metz, noch für ausreichend gehaltene Nischenkonzept des „besonderen Geschmacks“ scheint allmählich auszulaufen. Großes Aufsehen erhielt Loewes Strategiewechsel im Frühjahr nach der Verschärfung der Krise, und entsprechend groß war das Interesse an der Pressekonferenz. Groß war indes auch das Erstaunen, nun die gleichen Marketing-Sprechblasen wie allenthalben in der Branche vorgesetzt zu bekommen. Loewe-Vorstandsvorsitzender Matthias Harsch sprach von crossmedialem Entertainment und dem joy of use, den es zu vermitteln gelte – als wäre bislang versäumt worden, nach den Kundenbedürfnissen zu fragen.

Dabei war es bisher die für eine Nobelmarke auch sinnvolle Strategie gewesen, nur über die Produktqualitäten zu reden. Daß der Nutzer mit dem Gerät alles machen können wird, was ihm der Zeitgeist nahelegen oder aufdrängen mag, hat man für selbstverständlich gehalten, etwa als Versicherung und Überzeugung: Das Gerät kann alles, wozu Sie den Wunsch haben könnten. Dies entsprach dem etwa von Rolls-Royce kolportierten Understatement, keine PS-Zahlen anzugeben.

Die Frage des Kunden danach wird mit ausreichend beantwortet. Die bisherige Kooperation der inzwischen selbst notleidenden Sharp genügt nicht mehr, die für einen einheimischen, d.h. an hochpreisigem Standort tätigen Hersteller nötige Marge zu erreichen. Neu ist die Kooperation mit der bereits erwähnten chinesischen Firma Hisense, die im Einstiegssegment auch mit eigenem Namen auftritt.

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Der chinesische Hersteller Haier ist auf der IFA zwar kein Unbekannter mehr, verstärkt nun aber seine Expansion in Europa. Diesem Ziel dient zum einen das auf der IFA angekündigte Joint Venture mit dem spanischen Hausgerätehersteller Fagor. Zum andern hatte man sich zum Beginn der IFA die Inszenierung einer zweitägigen offenen WG in einer kleinen berliner Wohnung in der Schillerstr. ausgedacht. Diese wurde mit Haier-Geräten ausgestattet. Damit wollte man offenbar Technik erlebbar und auch Laufkundschaft auf sich aufmerksam machen. Das ist keine schlechte Idee, um den fremden Markt besser kennen zu lernen, aber das Potenzial einer solchen Installation ist noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Haier wird gleichwohl die sinnvolle Auswahl aus dem eigenen Produktportfolio treffen, was sich hierzulande einzuführen lohnt. Kühlschränke in Klavierlackschwarz und mit Stern-Intarsien dürften den deutschen Geschmack nicht unmittelbar treffen.

Die induktive Stromübertragung wird sich für Kleingeräte wie die Aufladung von Mobiltelefonen u.ä. durchaus anbieten. Das Induktionsfeld läßt sich auch schon in einem Lampenfuß verstecken. Mit den 350 W, die ein kleiner Mixer braucht, tut man sich freilich schon deutlich schwerer. Das dazu nötige Netzteil nimmt mehr Raum ein als der Mixer selbst und muß unter der Arbeitsplatte versteckt werden. Außerdem muß man berücksichtigen, daß es sich ja nicht um verlustlose Energieübertragung handelt, sondern nur um den Luxus, keine Kabel sehen zu wollen. Keine Chance dürfte das ebenfalls ausgestellte Klimagerät haben, das mit 7.2 kW Anschlußwert eine deutsche Stromrechnung in schwindelerregende Höhen triebe. Außerhalb Deutschland ist aber das Wort Energiekrise unbekannt, und erst recht „Energiewende“. Daher werden derartige technische Annehmlichkeiten den Deutschen künftig weitgehend unerreichbar bleiben.

Ricoh war nicht mit dem Gesamtangebot an Digitalkameras vertreten, sondern stellte eine 360-Grad-Kamera vor, die im Wesentlichen aus zwei, Rücken an Rücken montierten Fischaugenobjektiven besteht. Es ist eine etwas kuriose Spaßkamera geworden, die die Welt aus der Sicht eines Fahrradkorbes oder einer Zimmerpflanze zeigen kann, deren Vermarktungskonzept allerdings höchst befremdlich gestaltet wurde. Statt ein autonomes Gerät mit einer Schnittstelle und einem bestimmten Dateiformat anzubieten, wird dem Nutzer das geknipste Bild sofort entzogen und auf eine „soziale“ Plattform im Netz verschoben, wo es von den Darstellungs- und Bearbeitungswerkzeugen des Anbieters abhängig bleibt. So erklärt sich u.a. die bizarre, um nicht zu sagen groteske Festellung, die Kamera sei kompatibel mit Iphone 4. Eine Kamera kann mit einem Norm-Stativgewinde oder einem Blitzschuhadapter (den es verständlicherweise nicht gibt) kompatibel sein, aber niemals mit einem nachgelagerten Distributionsweg. Als Auflösung wurden 2 MP genannt, die Dateigröße sei auf 400 kB begrenzt, um die Funkübertragung nicht zu erschweren.

Angaben zum JPG-Dateiformat und den Nachbearbeitungsmöglichkeiten blieben nebulös, die Namensgebung nach dem griechischen Buchstaben Theta unerklärt, der Anspruch Die Photographie wird revolutioniert abwegig und der Preis mit 400 Euro offensichtlich zu hoch. Ohne ein Smartphone läßt sich nicht einmal eine Selbstauslöseraufnahme machen. Daß der Fotograf seine Bilder vielleicht gar nicht teilen oder nicht einmal an fremdem Ort speichern möchte, wird schon nicht mehr in Betracht gezogen. Solche Zwangssozialisierung macht das Produkt natürlich inakzeptabel.

Ein großes Konsortium aus den Verbänden ZVEI und BVT, einschlägigen Handelsketten und zahlreichen Endgeräteherstellern überraschte mit der neuen Initiative Smarter Fernsehen, die mit Modellfiguren im HB-Männchen-Stil und eigenwilligen Pastellfarben einen irritierenden Retro-Look ausstrahlt. Das eklatante Mißverhältnis zwischen Smart-TV-Ausstattung und tatsächlicher Nutzung soll damit überwunden werden. Natürlich wurde auch eine gleichnamige Web-Plattform eingerichtet, auf der es ebenfalls recht spröde zugeht. Die Mediatheken, zu deren Besuch auf diese Weise animiert werden soll, sind dadurch aber nicht besser geworden…

Die parallele Kampagne der ARD lautet Auf Rot geht’s los. Man hat offenbar eingesehen, daß der ominöse Red button nicht ausreichend verstanden wird und bemüht sich, ihn mit Anwendungsbeispielen zu erläutern.

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Die Zukunft der terrestrischen Programmverbreitung war Thema im Presseforum der Produktions- und Technik-Kommission von ARD/ZDF (PTKO). Eine gewisse Selbstgefälligkeit in der Behandlung der strategischen Fragen um Ausbau oder Aufrechterhaltung der terrestrischen Versorgung war den öffentlich-rechtlichen Sendern dabei nicht abzusprechen.

An lange Planungszeiträume gewöhnt scheint man von der sehr viel kurzatmigeren Marktdynamik oft überfordert, und daß auch die technische Entwicklung, instrumentiert durch eine deutlich anderen Interessen zugeneigte Bundesnetzagentur, unversehens zum Gegenwind werden kann, hat bisher nur zu einer defensiven Haltung geführt.

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„Digitalradio – was fehlt noch zum Durchbruch?“

Mit DAB+ hat die Digitalisierung des Radios einen sozusagen tragfähigen Migrationspfad eingeschlagen. Ein Termin für eine UKW-Abschaltung wurde zwar verschiedentlich schon in den Raum gestellt, ist aber in Wirklichkeit noch jenseits des Horizontes. Die internationale Perspektive, wie sie Dr. Christian Vogg, EBU, skizzierte, sieht nicht allzu schlecht aus. Von Norwegen wurde als UKW-Abschalttermin 2018 genannt, von Schweden 2022. Vogg sah inzwischen auch die Mobilfunker kompromißbereit, was den Einbau eines DAB-Chips (des sog. Euro-Chips) in Telefone betrifft.

Im übrigen erinnerte er an ein probates und schon lange bekanntes regulatorisches Mittel, den Umstieg auf DAB zu fördern: UKW-Lizenzen werden nur bei gleichzeitiger DAB-Verpflichtung verlängert. Erwin Linnenbach, der die deutsche Privatradiolandschaft seit langem von innen kennt, nahm in seiner Analyse der eigenen Branche kein Blatt vor den Mund und erklärte ihren hinhaltenden Widerstand gegen den Umstieg mit der allzu bequemen Situierung im status quo. Rüdiger Malfeld, Vorsitzender der ARD AG Digitalradio, zitierte die einschlägige Begründung: wegen Reichtums geschlossen.

Man wird sich also wohl auf einige weitere zähe Jahre einstellen müssen.

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„Medienwoche“-Schwerpunktthema 3-D

Daß dem räumlichen Fernsehen im Kongreßprogramm der Medienwoche ein vergleichsweise großer Anteil eingeräumt wurde, lag zweifellos an der Existenz des 3-D-Innovationszentrums in Berlin, das mit Jim Chabin einen eloquenten Fürsprecher aus dem Umkreis der amerikanischen Filmindustrie als Redner gewonnen hatte. Als Präsident der Internationalen 3-D-Gesellschaft in L.A. gestand er dieser Technik bei ihrem Siegeszug in die Wohnzimmer allenfalls eine Atempause zu.

Mit der Verbreitung von UHD werde auch 3-D wieder in den Vordergrund treten. Simon Craddock von der englischen 3-D-Firma Onsight pflichtete ihm bei und erklärte den Rückzug der BBC aus der 3-D-Ausstrahlung mit einer verständlichen Abwägung zwischen der an den öffentlichen Auftrag gebundenen Gebührenfinanzierung und der derzeit unvermeidlichen Nischenexistenz von 3-D-Produktion, -Distribution und -Empfang.

Im Kino, dessen war man sich sicher, wird 3-D bleiben, und Florian Maier, der hierzulande Vicky II 3-D und Hänsel und Gretel gedreht hat, versicherte, daß es keine nennenswerten Mehrkosten bei der Produktion gebe, sofern man ein 3-D-erfahrenes Team zur Verfügung habe. Chabin skizzierte eine Entwicklungslinie, die man zwar nicht für gut begründet halten muß, die aber vermutlich doch recht realitätsnah ist. Den Durchbruch für 3-D werde die Autostereoskopie bringen. Sie müßte dann aber wirklich gut und ausgereift sein, sonst wäre es eine Tragödie.

Die systembedingt geringere Tiefenwirkung würde eine längere, d.h. konzentrationsärmere Betrachtung ermöglichen. Was jedoch Prof. Thomas Wiegand, am HHI Berlin mit Bildsignalverarbeitung befaßt, an Bitratenbedarf vorrechnete, läßt dieses Ziel frühestens in vier bis fünf Jahren greifbar werden, weil man dafür einen 8k-Bildschirm voraussetzen muß. Man könnte Chabins Argumentation auch genau umdrehen: das Warten und Beharren auf Autostereoskopie ist der sicherste Weg, 3-D versanden zu lassen.

Wenn die Zuschauer das, was sie im Kino haben und gutheißen, dunklen Raum und Brille, zuhause nicht haben wollen, brauchen sie eben kein 3-D. Der mit eigenen Arbeitsproben aufschlußreich unterlegte Erfahrungsbericht des Stereographen Phil McNally gab einen buchstäblich vertieften Einblick in die Dramaturgie des stereoskopischen Raumes, der gerade bei Animationsfilmen beliebig steuerbar ist und insofern nach Gestaltung verlangt.

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Messesplitter

– Chip feierte das 35jährige Bestehen mit einer prächtigen Torte. Schade, daß sie nicht aufgegessen wurde.

– Der Usability Park, eine Design-Veranstaltung des Internationalen Design-Zentrums, macht mit einer Bretterwandgestaltung auf sich aufmerksam. Einer Messe, die dezidiert High-Tech propagiert, stellt man albernen Rustikalismus entgegen – so denken üblicherweise Besserverdienende. Die Ultra-IFA: Funkausstellung 2013 im Zeichen großer Bildschirne

– Die Illumination von Fernsehern wie sie Philips seit Jahren mit Ambilight propagiert und damit die Ästhetisierung des Hausaltars betreibt, hat jetzt auf die Akustik abgefärbt. Yamaha zeigte eine edle Lautsprecherstele, einen Obelisken mit Hintergrundbeleuchtung und dem Namen Relit, was vermutlich ungefähr Rücklicht heißen soll. Die Ultra-IFA: Funkausstellung 2013 im Zeichen großer Bildschirne

– Produktentwicklung durch den Kunden – ein viel zu wenig beachtetes Instrument. Das kann man sarkastisch oder auch ernsthaft verstehen. Beyerdynamic (vormals Beyer) schreibt ein Kopfhörermodell zum Design durch die Zielgruppe aus, neudeutsch einen Crowdsourcing-Design-Contest. Im Gespräch mit dem Firmenrepräsentanten konnte man den Eindruck gewinnen, daß hier die Meinung der Kunden tatsächlich erfragt werden muß, weil der Hersteller bei einem solchen, auch modischen Aspekten unterliegenden Produkt keine Designprognose wagt.

– Bosch schreibt einen Retro-Kühlschrank zur Farbwahl aus – Weiß steht nicht zur Wahl. Das erscheint problematischer, denn der Zufall, daß eine der sehr bunten Farben gerade in die eigene Küche paßt, ist doch verschwindend gering. Die Ultra-IFA: Funkausstellung 2013 im Zeichen großer Bildschirne

– Fraunhofer hat eine räumliche Kopfhörerwiedergabe für Smartphones entwickelt, genauer: Googles Nexus 7 und 10. Auch für einen koreanischen IPTV-Anbieter und seine mobil empfangenden Kunden wurde Cingo lizensiert. Das kostenpflichtige System baut offensichtlich auf einer früheren Entwicklung auf. Seinerzeit hatte man dem quasi als Gemeingut genutzten MP3 noch eine Surround-Komponente spendiert und den Encoder sogar frei angeboten. So ändern sich die Zeiten.

– Großer Auftritt des in Deutschland neu gestarteten Jugendkanals Joiz auf der Medienwoche: Wieder ein Sender, der ohne Programmdaten sendet: kein Videotext, keine SI-Daten in DVB-S, also keinerlei Information zu einer möglichen Programmwahl. Wer sich so unzugänglich macht, darf gerne in der Nische der Unsichtbarkeit verharren. Oder neudeutsch:no choice, no chance.

– LG kündigte keine Pressekonferenz an, hielt aber eine ab, von der erst nachträglich zu erfahren war. Man konnte oder wollte den Fehler nicht erklären und konnte auch kein Pressematerial aushändigen. Demzufolge können auch wir über diese Firma nicht berichten. Ihr neues Motto It’s all possible ist also nur zu wahr: bei LG ist alles möglich.

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