AMD 2013 | Wohin bewegt sich Bewegtbild? Wie und für wen Smart-TV smart ist (Video)

26. April 2013 | by Gerhard Bachleitner

AMD 2013 | Wohin bewegt sich Bewegtbild? Wie und für wen Smart-TV smart ist (Video)
Den Organisatoren der Audiovisual Media Days in München am 22./23.4.13 kam der Zufall oder vielleicht auch die gut informierte Vorsehung mit zwei zum Thema passenden Ereignissen zu Hilfe. Die Telekom verkündete die Deckelung ihres „Flatrate“-DSL-Angebotes, und die beiden Protagonisten des Internet-Fernsehkanals Stoersender.tv, B. Hanitzsch und Dieter Hildebrandt, demonstrierten nach ihrem Auftritt bei den AMD vor der Münchner Apple-Niederlassung gegen die geniale Apple-Geschäftsstrategie, die Steuerpflicht auf sage und schreibe 1,9 % gedrückt zu haben.

In der Tat: die Kunden und Lieferanten durch geschlossene Systeme in Geiselhaft zu nehmen und die soziale Verantwortung für die Arbeiter in den Produzentenländern und gegenüber der Bevölkerung in den Vertriebsländern abzulehnen, ergibt die eindrucksvolle Architektur eines rücksichtslosen Egoismus. Der Telekom-Vorstoß rief in den Papiermedien erstaunlich wenig Aufruhr hervor, wohl auch, weil er schon länger in der Luft lag und nicht wirklich überraschte. Die Rahmenbedingungen sind eindeutig und wurden auf dem hiesigen Kongreß auch ins Gedächtnis zurückgerufen, freilich sozusagen von der anderen Seite aus und ohne jegliche Denkpause: ja, das Bewegtbild sei die Zukunft des Netzes, und 90 % des Internetverkehrs bestehe aus Video.

 

So äußerte sich einleitend Thomas de Buhr, Google Hamburg, über The Future of Watching TV. Das war als Fortschrittsfeststellung gemeint, bezeichnet aber doch nur die günstigen Geschäftsbedingungen für die Google-Tochter Youtube. Diese wird sich künftig auch den erfolgreichen Angriff auf die Netzneutralität an die Fahne heften können. Sonderbar nur, daß auf dem Kongreß kaum jemand den Zusammenhang zwischen Bewegtbildboom und Tarifverschlechterung herstellen wollte, sondern alle so taten, als wären wieder einmal alle die Gewinner.

Besonders unangenehm klang das im Vortrag Converged Video: Consumers are there – are you? des Inders Tej Rekhi, in den Ohren, der für die Firma DG MediaMind in London als International Innovation Strategist fungierte. Hier vernahm man den nackten Positivismus technisch instrumentierter Monetarisierungswünsche, der sich auf Englisch stets ziemlich naturhaft anhört. Eine Medienexplosion dürfe man erwarten, wie einen Sturm, hieß es da. Die Revolution werde „social“ sein, oder vielmehr: es gebe Möglichkeiten, die sozialen Interessensströme zu monetarisieren.

Das Fernsehen sei künftig nicht mehr (nur) ein audiovisuelles Medium, sondern eine Geographie. Rekhi brachte auch ein neues Akronym mit, das wir in einschlägigen Kreisen vermutlich bald öfter hören werden: automatische Inhalteerkennung, ACR. Der „zweite Bildschirm“, der die Aufmerksamkeit zunächst (und laut Rekhi in 88% der Fälle) vom ersten, dem klassischen Fernseher abzieht, ist für die Werbewirtschaft jedoch keine Beeinträchtigung, sondern treibt ihr die Kundschaft im Gegenteil noch zuverlässiger zu. Mobilfunk und Web-2.0-Nutzung sind ja personalisiert, so daß man den Nutzer genau verfolgen kann. Rekhi wußte auch schon, daß ein Viertel der Zuschauer nach einer Fernsehwerbung im Netz weitere Informationen sucht.

In der Podiumsdiskussion Connected TV: Smart Revolution oder Verwirrung der Zuschauer? wurden immerhin einige der wichtigen Fragen gestellt, wenngleich die Antworten oft nur zwischen den Zeilen hervorlugten und gute Kenntnis der Einflußsphären der Beteiligten voraussetzten. Ein sympathisches Bild gab Caroline Funk von LG Electronics ab, einem Unternehmen, das noch nicht so groß ist, um nicht lernfähig sein zu müssen. Sie bezifferte die Mehrkosten für Smart-TV-Geräte auf 100-200 Euro, nämlich für stärkeren Prozessor und mehr Speicher.

Da, wie bei den anderen Marken auch etwa 70 % der Neugeräte Smart-TV sind, ist hier offensichtlich eine Aufwertungsstrategie am Werke. Funks Einsicht, daß man das bisherige Innovationstempo entschleunigen müsse, kann man nur begrüßen, heißt „Innovation“ hier doch nichts anderes als hektischer Modellwechsel unausgereifter Firmware/Software, den man sich gern ersparen würde. Viel hielt sich Funk auf die hauseigene Magic Mouse und die Fernbedienung mit Spracheingabe zu Gute, die das Komplexitätsproblem von Smart-TVs ergonomisch befriedigend löse. Sie kündigte für die nächste Zukunft einen Hybrid-EPG an, der bei der Suche auch Internetinhalte berücksichtigen werde. Wir dürfen gespannt sein, wie man Übermaß und Volatilität des Internet hier bändigen will.

Beiläufig rückte Funk auch die Rationalitätsträume europäischer Normierungsgremien zurecht: HbbTV, der lobenswerte Versuch, die konvergente und diskriminierungsfreie Nutzung des Internets auf dem Fernseher zu ermöglichen, sei eine europäische Angelegenheit. Für den Weltmarkt sei hingegen die Smart-TV-Alliance maßgebend, also ein Industriekonsortium, dem LG angehöre. So werden Infrastrukturen und Kooperationen also auch weiterhin hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden.

Natürlich wird es auch wechselnde Koalitionen geben. Hersteller werden sich teils inhalteneutral, teils exklusivitätssüchtig verhalten. Funk beispielsweise bedauerte, daß sich Sky noch nicht durch eine Smart-TV-Applikation leichter zugänglich machen wolle.

Peter Schulz von ebendieser Firma, Sky Deutschland, beharrte jedoch auf dem Abo-Modell und der Verweigerung von Pay-per-View. Man kann sich diese regressiv-restriktiv erscheinende Haltung unschwer aus strategischen Überlegungen ableiten. Die „Marke“ Sky, deren Aufbau so langwierig und teuer war, muß verteidigt werden. Als ein Pay-per-View-, d.h. Video-on-demand-Anbieter unter vielen verschwände man. Dafür nimmt man in Kauf, mit eigener Programmoberfläche und meist auch eigener Hardware als sperriger Einzelgänger wahrgenommen zu werden.

Die in dieser Diskussion fehlende übergeordnete Perspektive wurde bezeichnenderweise vom Ex-Präsidenten der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, BLM, Dr. Wolf-Dieter Ring, angemahnt, der eine konvergente Medienordnung vermißte, d.h. eine medienpolitische Ordnung der Tatbestände, die durch die Konvergenz der klassischen Verteilmedien mit der Individualkommunikation des Internets und ihren (pseudo-)sozialen Subnetzen neu entstehen. Ring sah hier einen Kompetenzverlust der Politik zum Nachteil der Bürger.

Wie viel bürgerschaftliches Engagement kostet, konnten Stefan Hanitzsch und der Kabarettist Dieter Hildebrandt von der Gründung ihres Internet-Fernsehkanals stoersender.tv berichten. Das Crowdfunding-Projekt konnte mit 150.000 Euro Spendengeld starten und macht erklärtermaßen „aus Zuschauern Störseher“.

Bei der Demonstration am selben Nachmittag vor der Münchner Apple-Filiale schwenkte man Fähnchen mit dem Bild des angebissenen Apfels, in dem ein gefräßiger Kapitalisten-Wurm steckt. Der aus Rußland emigrierte Autor Wladimir Kaminer überreichte Apple die russische Staatsbürgerschaft ehrenhalber „für besonders findiges Schlupfen in Löcher des Steuerrechts“.

Fotos: http://www.audiovisual-media-days.com/
Video: http://www.medienportal.tv

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