[Münchner Medientage] Ab in die Konvergenzzone von TV und Internet – Teil 2

8. November 2012 | by Gerhard Bachleitner

[Münchner Medientage]  Ab in die Konvergenzzone von TV und Internet - Teil 2

Wer designt den Nutzer und wozu? Von dem genauen Blick auf Smarte Benutzeroberflächen für das TV-Gefühl der neuen Generation, den der Hersteller NDS in einer Veranstaltung unternahm, hätte man sich mehr harte, ergonomische Fakten erwartet. Das Nutzererlebnis im Blick – so der Haupttitel der Diskussion – sollte man sich nicht mit Scheuklappen anschauen.

Wie immer, wenn Designer mit am Tisch sitzen – die aufgrund ihres Apple-Gens nicht mit gewöhnlichen Menschen vergleichbar sind -, wurde es schwierig. Olivier Lacour, der für NDS das Design verantwortete, glaubte ernsthaft, dass gutes Design gutes Geschäft bedeute, d.h. dass sich gutes Design im Markt auszahle.

Die Fragen, weshalb es trotzdem so viel schlechtes Design gibt, und weshalb Design sich so oft über die Forderungen von Ergonomie und Nachhaltigkeit hinwegsetzt, konnte er freilich nicht beantworten. Er blendete die entscheidenden Fragen einfach aus, flüchtete sich in die unverbindliche Formel, dass der Abstand zwischen Inhalt und Nutzer minimiert werden solle, und in die Hoffnung, dass dereinst die Benutzerschnittstelle überhaupt „unsichtbar“ werde.

Allen Diskutanten war freilich klar, dass hier zwei gegensätzliche Marktstrategien aufeinander treffen. Die Unternehmen im vertikal integrierten Markt, etwa im Mobilfunk oder prototypisch Apple – wo man von der kleinsten Schraube bis zur quasi religiös aufgeladenen Eschatologie alles im eigenen Hause fertigt – können leichter ein harmonisches Nutzungserlebnis bereitstellen und Funktionsversprechen erteilen – um den Preis höherer Kosten (durch Wettbewerbsausschluß) und Entmündigung. Im horizontalen Markt wird ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis erzielt und die Freiheit des Nutzers respektiert, der aber gut informiert sein sollte und das Opfer schlechter Lösungen werden kann, wenn er nicht aufpaßt.

Die Zukunft des Fernsehens
Die Frage wird klassisches Fernsehen obsolet?, die eine BLM-Veranstaltung stellte, schien wie eine Wolke – oder sollte man hier cloud sagen? – über den Medientagen zu schweben. Den Internet-Portalen mit ihrer jungen Nutzergruppe traut man offenbar zu, das von Überalterung der Zuschauerschaft geplagte Fernsehen zu überholen.

Mit den amerikanischen Portalen ist das freilich so eine Sache. Ein Netflix ist hierzulande aus Lizenzgründen und vermutlich auch wegen des an sich viel kleineren Gesamtmarktes einfach nicht möglich. Schon an den mittlerweile jahrelangen Verhandlungen um die senderübergreifende Plattform Germanys Gold, an dem bereits erfolgten Verbot eines ähnlichen Zusammenschlusses bei den Privatsendern und auch an den verordneten Einschränkungen der vorhandenen Mediatheken ist abzulesen, dass hier enorme institutionelle Widerstände gegen das Nutzerinteresse am Werke sind.

Den Diskutanten wurde auch eine Prognose für 2020 abverlangt. Auf einige Punkte konnte man sich leicht einigen: Mobiler Medienkonsum wird weiter zunehmen. Die Web-Portale werden mit zunehmender Popularisierung auch Stars hervorbringen. Aber tragfähige Geschäftsmodelle oder Erlösquellen für Künstler werden rar sein.

Messesplitter
Im ICM der Neuen Messe München hatte der Veranstalter die Aufenthaltsflächen sinnvoll neu strukturiert. Das dichtgedrängte Kongreßprogramm wurde diesmal durch Einzelinterviews in den Mittagspausen auf der sog. Clap-Couch angereichert, benannt nach dem Veranstalter Clap. Der Camgaroo-Award, die Preisverleihung zum gleichnamigen Video-Wettbewerb, zog aus dem ICM aus und feierte im Filmtheater am Sendlinger Tor – in echter, sogar plüschiger Kinoatmosphäre, aber doch auch sehr beengt. Als neuer Sponsor trat Sat1 auf, und als Jury-Vorsitzender fungierte der Schauspieler Heinz Hoenig, der bei dieser Gelegenheit auch seine Stiftung vorstellte.

[Link] [Photo: Münchner Medientage]

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Den ersten Teil von Gerhard Bachleitners Münchner-Medientage-Nachlese findet ihr hier.

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