[Nachlese] Die TV-Trends der IFA 2012: Koreanische Missionäre, mehr Pixel – und was für Made-in-Germany übrigbleibt

26. Oktober 2012 | by Gerhard Bachleitner

IFA 2012 Samsung TV Press Event

Samsung trat mit gewohntem Selbstbewußtsein auf, obwohl man gerade eben im Patentkrieg gegen Apple wieder eine herbe Niederlage erlitten hatte. Apple ist zwar nicht unbedingt in den Produkten das heimliche Vorbild der Koreaner, wohl aber in der emotionalen Aufladung der Produkte und der medialen Ausgestaltung der Lebenswelt.

Hier wird ein ähnliches Heilsversprechen gegeben, und die Pressekonferenz fand in einem ähnlich liturgischen Habitus statt. Als ob es ein Geheimnis zu enthüllen gelte, hub der Präsentator nach einer rhetorischen Frage zu Samsungs Auftrag mit der Erklärung an: „Ich sage Ihnen, weshalb wir hier sind.“

Der Konferenzteilnehmer hätte gerne eine Antwort darauf erhalten, weshalb man noch immer in dem seit Jahren notorisch überfüllten und infolge fehlender Klimatisierung stickig-heißen Saal Hof hielt, den ein französischer Kollege noch vor Beginn der Veranstaltung angewidert mit dem Ausruf quel bordel verlassen hatte. Auf diese, so verständliche Frage erhielten wir freilich keine Antwort, sondern mußten uns mit allerlei Fortschrittsverheißungen zufrieden geben.

Die Idee vom Smart-TV soll offenbar fest in den Köpfen der Leute verankert werden. Man fächert sie auf in Smart Content, Smart Evolution und Smart Interaction. Mit solchem verbalen Weihrauch wird nichts banaleres als der Internet-Anschluß in einem dafür tendenziell ungeeigneten Endgerät gefeiert. Vom „Smart“-Phone leiht man noch einen weiteren vermeintlichen Erfolgsfaktor, die Gestensteuerung, neudeutsch Motion-Control, die natürlich einen beträchtlichen Erkennungsaufwand erfordert und neue Mißverständnisrisiken mit sich bringt.

Eine Idee, die nichts kostet und dem einen oder anderen vielleicht Amusement verschafft, ist die Freigabe des im Vorjahr bereits für Spiele angebotenen Dualmodus für das normale Fernsehprogramm. Dabei wird ein 3-D-Fernseher mit zwei unterschiedlichen Programmen versorgt und über die beiden Brillen getrennt und auch mit separiertem Ton an die beiden Betrachter ausgegeben.

Damit läßt sich die ‚große Glotze‘ sicherlich gut nutzen, und man fühlt sich vielleicht in familiärer Zweisamkeit aufgehoben. Beobachter von außen mag hingegen die mit technischen Mitteln ermöglichte und verfestigte solipsistische, um nicht zu sagen autistische Konstellation befremden. Offenkundig wird hier ein Verhalten aufgegriffen, das man von Smartphone-Benutzern immer öfter zu sehen bekommt: wenn sie sich für ein Gespräch treffen, hat jeder von ihnen trotzdem das Gerät in der Hand und tippt selbstvergessen und entrückt vor sich hin.

Paradoxerweise wird die Medialisierung des Alltags, also der Ersatz von Persönlichkeit durch Werkzeuge, als das genaue Gegenteil verkauft: Freeing You to be Yourself, versprechen die Samsung-Produkte und verhelfen zur Individualität: Express Yourself. Dies soll nicht zuletzt durch Fotografie geschehen, will sagen: durch ein Galaxy, das auf fotografische Leistungen getrimmt ist, natürlich auch gleich per Funk versandfertig und mit zahlreichen Anwendungen für die Bildbearbeitung ausgestattet.

Der Fortschritt besteht also darin, daß man das, was auf dem PC immer schon und mit allen Ressourcen bequem möglich war, nun auch auf dem Miniaturbildschirm eines auch sonst stark eingeschränkten Telefons machen können soll.

Dagegen nehmen sich die anderen Innovationen Samsungs geradezu realistisch aus. Eine bessere Dämmung vergrößert den Nutzinhalt der Kühlschränke, Waschmaschinen bekommen einen Sturmwaschgang – die Eco-Bubbles wurden schon im Vorjahr vorgeführt – und die Kaltwäsche bei 15 Grad wurde verbessert. Auch die Zurückhaltung bei den Bildschirmgrößen der Fernseher wirkt vergleichsweise vernünftig: bei 75 Zoll ist diesmal Schluß.

Ultra-HD – mehr Pixel für größere Bildschirme
Ansonsten galt wieder die Devise: wer hat den Größten? Die meisten Hersteller schaffen bei den LCD-Geräten 84 Zoll. Nur Sharp als Vorreiter der Technik muß noch eins draufsetzen und 90 Zoll bauen. Das ist kein Gerät mehr, das ist eine Zimmerwand. Man wagt auch nicht, sich den Transport vorzustellen. Vom Kauf ist auch aus anderen Gründen als dem mutmaßlichen Preis abzuraten. Es ist nur ein HD-Bildschirm und insofern für den erwartbaren Detailreichtum zu schwach in der Auflösung. Die geeignete Auflösung 4k (3840×2160 Pixel) hat Sharp zwar im Hause, aber eben nicht in diesem Gerät.

Mit 4k hat Toshiba schon mehr Erfahrung und zwar auch genau die, mit der sich die Einführung des HD-Nachfolgers am leichtesten begründen läßt. Die zwei interessantesten 3-D-Verfahren sind mit Auflösungseinbußen verbunden und brauchen daher Aufrüstung: das Polarisationsverfahren mit den passiven Brillen und das autostereoskopische Verfahren.

Die Klage, daß es kaum natives 4k-Material gebe und sich das neue Format daher nicht lohne, geht insofern an den wirklichen Verhältnissen vorbei. 4k ist so gesehen einfach eine Monitortechnik – wie vier statt drei Farbpixel und LED-Hintergrundbeleuchtung statt Kaltkathodenlampe. Außerdem ist die Hochkonvertierung schon sehr gut.

Toshiba hat sich übrigens eine Philips-Idee zu eigen gemacht und bietet einen 21:9-Bildschirm an – allerdings nicht als Fernseher, sondern bei einem Tablett-Notebook-Hybriden. Als Vorteil wird die leichtere Plazierung zweier oder mehrerer Anwendungen nebeneinander gedacht. In der Tablett-Nutzung sollte auch eine Drehung auf die Schmalseite möglich sein und dann einen guten Ganzseitenmonitor realisieren.

Einer anderen Philips-Idee möchte man noch mehr Verbreitung wünschen – Parallelentwicklungen sahen wir bisher nur bei Sony und (mit beträchtlichen ergnomoischen Einschränkungen) LGs „Google-TV“. Auf der Rückseite der Fernsehfernbedienung ist eine alphanumerische Tastatur untergebracht, mit der sich die gewünschten Eingaben vergleichsweise komfortabel machen lassen.

LG glänzt mit einem sehr schönen 55-Zoll-OLED-Fernseher, in dem vier Pixel pro Bildpunkt verwendet werden. Dies soll der Bildqualität zu Gute kommen und die bei OLEDs gefährliche Wärmeentwicklung mäßigen. Das vierte Pixel ist hier weiß, während Sharp seit Jahren mit einem gelben Pixel arbeitet.

Die Bedienung der Geräte
Das Fernsehen scheint sich im Zuge der Konvergenz auch in der Bedienung zu modernisieren. In einem tendenziell vernetzten Heim müssen in der Tat sehr viel mehr Kommunikationsbeziehungen und Schnittstellen gesteuert werden, als es bisher der Fall war. Die Endgerätehersteller halten sich etwas auf Gestensteuerung oder Sprachsteuerung zu Gute, mit einem virtuellen Zeiger kann man per Fernbedienung auf dem Bildschirmmenü navigieren, es gibt Lautsprecher, die über Nahfeldkommunikatoren angesprochen werden, auch Bluetooth wird nach wie vor verwendet.

Im Zentrum aber stehen WLAN und als vermeintliches Universalgerät das Smart-Phone. Wenn dort aber die Funktionen einer Fernbedienung abgebildet werden, ist von einem Fortschritt in der Ergonomie nichts zu spüren. Im Gegenteil: weniger Befehle/“Knöpfe“ sind auf noch mehr Seiten verteilt. Das Smart-Phone wäre übrigens auch keine Voraussetzung für eine ergonomische Steuerung. Seit Jahrzehnten hätten die Hersteller, parallel zu den Fortschritten der Display-Technik, ihre Fernbedienungen mit einer visuell-interaktiven Ebene anreichern und die Menüführung optimieren können. Dies hat aber kaum jemanden interessiert, und die heutigen Menüstrukturen etwa in Satellitendekodern sind großenteils immer noch unfaßbar schlecht.
Dieser Pferdefuß wurde ausgerechnet bei der zum 30. April erfolgten Abschaltung des analogen Satellitenfernsehens sichtbar. Ironischerweise verursachte die Abschaltung bei den Konsumenten keine Konfusion, wohl aber die Sendersuche auf dem neuen Digitalgerät, zumal nach den unmittelbar danach neu aufgeschalteten ARD-HD-Kanälen. Der Berichterstatter kann diese Schwierigkeiten aus eigener Erfahrung bestätigen und wundert sich noch immer, weshalb die Industrie diese Probleme nicht in den Griff bekommt oder überhaupt nicht angeht.

Was für Made-in-Germany übrigbleibt
In jeder Hinsicht marginal treten die deutschen Hersteller auf, wobei die papierenen Marken Grundig und Telefunken nicht mitzuzählen sind. Metz verharrt in einer Art trotziger Defensive und baut tatsächlich für eine Klientel, die Geräte zur Schrankwand Eiche rustikal braucht. Während die Asiaten möglichst wenig Bildschirmrahmen zeigen will, sieht man bei Metz extrabreite und insofern altmodische Rahmen.

Loewe scheint sich nach einer Krise wieder berappelt zu haben, aber allmählich zu einem Ableger der Innenarchitektur- und Möbelbranche zu werden. Da übernimmt man von einem Fazioli-Flügel das Rotfichte-Dekor und gestaltet damit Gehäuseoberflächen. Auch die Modeschöpferin Gabriele Strehle darf eine eigene Strenesse-Kollektion anbieten (Auflage 500 Stück). Ein Fürst zu Schaumburg-Lippe läßt sich das Familienwappen in den Bezugsstoff sticken. Nun ja, wer’s braucht. Loewe lebt vom Pathos des Handwerks und dem Bedürfnis nach Individualisierung der Technik, das sich freilich immer nur wenige leisten können.

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