[IFA] Ghettoblaster, neuzeitlich: Boombox-Nachkommen lassen den Bass drahtlos wummern

2. September 2012 | by TechFieber.de

BoomBox von Loewe

Silbrig glänzend, kantig, mit Tragegriff und Marken wie Sharp, JVC, Toshiba oder Aiwa. Das waren die Radiokassettenrekorder der späten 70er und frühen 80er Jahren. Sie brachten den Hip-Hop auf die Straße und in den Park. Dann, irgendwann verschwanden die Boomboxen. Was ist aus ihnen geworden? Bei der IFA in Berlin sind ihre Erben zu sehen. Und die haben einiges zu bieten.

Equalizer, LED-Pegelanzeige, Musiksuchlauf, dazu ein Meer aus Schaltern: Immer mehr Funktionen spendierten die Hersteller den Ghettoblastern. Doch als LL Cool J 1986 «I can’t live without my radio» rappte, war die Ära der Soundboliden schon fast wieder vorbei. Auf der IFA sind nun wieder Boomboxen zu sehen oder besser gesagt ihre rundlich gewordenen Erben. Sie haben Fernbedienungen und beziehen ihre Musik nicht mehr von der Kassette, sondern per Smartphone oder drahtlos.

«Früher haben wir eine Menge dieser Ghettoblaster verkauft», sagt Thies Radeloff, Produktmanager bei Sharp. Die neuzeitliche Boombox der Japaner heißt nun GX-M10 und wiegt gute sieben Kilo. Sie glänzt in einem eigenwilligen Metallic-Orange. Rund wie eine Raketenstufe stecken hinter den Schutzgittern Töner, die von einem Subwoofer für den richtigen Wumms unterstützt werden. «Für den bassbetonten, vollen Sound ist die Röhrenform viel besser», erteilt Thies den eckigen Urahnen eine Absage.

Im Mittelteil mit den Bedienelementen befindet sich ein verschließbares Dock-Abteil für Apple-Geräte. Es gibt aber auch einen MP3-CD-Player, ein Radioteil, Klinken- und USB-Buchsen sowie Eingänge für Gitarre und Mikro. Als dunkel-elegante Sound-Eminenz präsentiert sich TDKs neue Wireless Boombox (A73). Ein fest montierter Handgriff throhnt über dem unabgedeckten Mitteltöner im eckigen Gehäuse mit Subwoofer. Kontrastpunkte sind die goldfarbenen Zentren der Töner und zwei ebenfalls goldfarbene Drehschalter. Musik empfängt die Stereo-Boombox per Bluetooth, über den eingebauten UKW-Radiotuner oder per Klinkensteckerkabel. Der Bass ist regelbar, und es gibt eine Höhenentzerrung – Kostenpunkt: 350 Euro.

Im wuchtigen Röhrendesign mit Reflexöffnungen für «kompromisslosen, bassbetonten Powersound» hält JVC seinen BoomBlaster am Markt. Jüngst haben Digitalradio (DAB+) und Bluetooth Einzug ins schwarze Gehäuse des RV-NB90 (429 Euro) erhalten. Hinter einer Plastikklappe können nach wie vor Apple-Geräte angedockt werden, es gibt einen CD-Player sowie eine USB-Buchse zum Abspielen und Aufzeichnen.

Streetdancer hat Pioneer mit seiner Boombox-Serie Steetz ins Auge gefasst. Ein Pitch-Regler beeinflusst das Tempo eines Songs aus dem vier Gigabyte großen internen Musikspeicher. Und nichts geht ohne iPhone-Dock. Das Design des Sieben-Kilo-Spitzenmodells STZ-D10Z (399 Euro) liegt zwischen funktional und futuristisch. In einem Käfig aus drei Tragegriffen ruht der Blaster wie eine Sanduhr. «90 Prozent der Verkäufe fokussieren sich auf das große rote Modell», sagt Pioneer-Produktmanager Jürgen Timm.

1985 kam ein C64-Spiel namens Ghettoblaster auf den Markt: Aufgabe des Helden war es, die Bewohner der Stadt Funky Town im Vorbeilaufen zum Tanzen zu bringen. Hätte der damals schon die Bag of Rythm von House of Marley gehabt, hätte er sich vielleicht nicht so mit seinem riesigen Kassettenrekorder auf der Schulter abschleppen müssen. Denn wie der Name sagt, ruht das hölzerne Chassis der Boombox in einer leichter zu tragenden Umhängetasche. Dock- und Ladefunktion gibt es nur für Apple-Geräte, per Klinkenstecker können aber auch alle anderen Geräte ihre Musik dazugeben.

Nicht auf der IFA, aber in Berlin arbeitet der Illustrator und Grafikdesigner Axel Pfaender an einem ungewöhnlichen Ghettoblaster. Sein Gerät, die Berlin Boombox, zitiert als Schwarz-Weiß-Grafik das Design der Klassiker, konzentriert sich aber technisch aufs Wesentlichste: Ein kombinierter Anschalt- und Lautstärkeregler sowie einen Klinkenstecker zum Anschluss von Smartphones und Musikplayern.

Der Blaster ist aus Pappe. Die Idee zu dem Projekt kam Pfaender beim Anblick einer neu gekauften iPod-Dockingstationen. «Mich hat gestört, wie hässlich die war», sagt er. Also faltete er kurzerhand die Illustration einer Boombox in die dritte Dimension und stülpte sie über die Station.

Er feilte an den Abmessungen für einen optimalen Klang, informierte sich über Bauteile, suchte Zulieferer. Herausgekommen ist ein Bausatz mit einem vorgestanzten Siebdruck-Bastelbogen aus drei Millimeter starkem Karton, einer Platine mit hocheffizientem digitalem Verstärker, der sich mit drei Mignon-Batterien begnügt, Lautsprechern und Kabeln. «Man faltet das Gehäuse selbst zusammen und steckt die Lautsprecher rein, ganz ohne Werkzeug», erklärt Pfaender. «Wer dann sein iPhone ansteckt, wundert sich, was für ein fetter Klang herauskommt.» Die Berlin Boombox kann für 59 Euro bestellt werden, die Auslieferung soll im Oktober beginnen.

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