[AMD 12] Audiovisual Media Days: Wem nützt der Rote Knopf? – Teil 2

6. Juni 2012 | by Gerhard Bachleitner

[AMD 12] Audiovisual Media Days: Wem nützt der Rote Knopf? - Teil 2

Zum fünften Male tagten in München die Audiovisual Media Days, AMD, ein Kongress für Bewegtbild in Medien, Marketing und Corporate Communications. Teil zwei des Features von Gerhard Bachleitner.

Was vor Jahrzehnten als interaktives Fernseher propagiert worden war, vor etwa 10 Jahren schon einmal, zumindest für Europa, in die Form einer neutralen Norm gegossen wurde. – MHP -, wird inzwischen als HbbTV als verbindliches Verfahren zur Integration von Online-Inhalten in die (lineare) Fernseh-Nutzung implementiert.

Der Nutzer eines solchen Hybridgerätes sollte sich freilich bewußt sein, daß er mit dem Gang in die Online-Welt auch an deren Individualisierungsstrategien teilnimmt. Der vielbeschworene Rote Knopf zum Abruf von Zusatzinformation hat nämlich, von der anderen Seite der digitalen Demarkationslinie betrachtet, auch eine andere Funktion: mit dem Druck auf diesen Knopf identifiziert sich der bis dorthin anonyme Zuschauer und offenbart, was er sieht und wofür er sich interessiert.

Der Knopf hat für die Werbeindustrie eine vergleichbare Bedeutung wie der Gefällt-mir-Knopf bei Facebook, dessen Plazierung auf Fremdseiten daher auch zu Recht angeprangert wird.

Matthias Schwankl vom Satellitenbetreiber Eutelsat war sich dieser strategischen Bedeutung durchaus bewußt. E-Commerce goes TV – Was läßt sich mit dem Red Button umsetzen? lautete sein Referat. Er sah seine Aufgabe auch darin, den Programmveranstaltern Empfehlungen für erfolgreiche Zuschauerbindung zu geben. Man müsse zum linearen Programm möglichst auch Online-Angebote machen, etwa Video on demand.

Das könne innerhalb von HbbTV geschehen, wobei der Rote Knopf sogar mit Offline-Inhalten hinterlegt sein könne. Oder man kombiniere mit einer mobilen Applikation auf den gängigen Plattformen.

Zwei recht unterschiedliche Praxisfälle zeigten, wie eine solche Verzahnung von Verteil- und Individualkommunikation ausehen kann.

Michael Reuter berichtete über eine tags zuvor gestartete Magazinsendung des Bayerischen Fernsehens, deren lineare Urform Rundschau heißt, während die mit Web 2.0 aufgemotzte sozusagen folgerichtig rundshow genannt wird. Über eine entsprechende Applikation – wahlweise auch per Facebook oder Twitter – kann der Zuschauer Themen der Sendung kommentieren und zu vorgelegten Fragen abstimmen. Kommentare und Abstimmergebnis bekommt der Moderator in Echtzeit zu sehen – erstere natürlich gefiltert. Furchtbar neu ist das inhaltlich nicht: Leserbriefseiten von Zeitungen sind ähnlich organisiert, und Anrufsendungen gibt es auch schon lange. Die Meinungsführerschaft der Medienmacher wird dabei nicht angetastet, aber ein Teil der sonst ins Internet fließenden Nutzeraktivität wird auf das traditionelle Medium umgelenkt.

Wesentlich drastischer geht myTV (siehe Foto oben) zu Werke, ein Dienst, der sich Social TV Checkin App nennt. Zugänglich ist die Verbindung von Fernsehinhalten mit einer Kommentarfunktion über Facebook, Iphone und Ipad. Man lockt mit der Enthemmung der Gefühle und glaubt wohl auch, daß schlechtes Fernsehen dadurch besser wird, daß man sich gemeinsam darüber aufregt: Sei wie Du willst und erlebe was Deine Freunde meinen. Von der anderen Seite aus gesehen lautet die Botschaft des Nutzers jedoch: ich bin hier, sehe dies und interessiere mich für das.

Man könnte leicht sarkastisch kommentieren, daß hier das Fernsehen zu seinen Wurzeln zurückkehrt. In den Fernsehstuben der NS-Zeit und in den Nachkriegswohnzimmern mit der um den flimmernden Hausaltar gruppierten Familie war das Fernsehen immer ein soziales Geschehen. Erst mit der Verbilligung und Vervielfachung der Geräte und Programme wurde jene Individualisierung und Fragmentierung möglich, die wir heute als Normalzustand betrachten. Der Unterschied zu früher ist natürlich, daß heute die (vermeintliche) Sozialität übers Netz organisiert wird und dabei jede Menge Daten abfallen.

Man könnte, wiederum sarkastisch, den Machern von myTV attestieren, daß sie auf dem richtigen Weg seien – weil sich bereits der Schatten von Riesen über sie legt. Welchen anderen Zweck würde ein Google TV oder ein Apple TV, die ja ernsthaft im Anmarsch sind, verfolgen als den, zu einem laufenden linearen Programm Onlinezusatzdienste zwecks Nutzerdatengewinnung anzubieten?

Alle Artikel der Serie von Dr. Gerhard Bachleitner.

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