[IFA 2011, die grösste, die je stattfand] Mit 400l-Kühlschrank, 12kg-Waschmaschine und 3.100W-Bügeleisen

16. September 2011 | by Gerhard Bachleitner

Weiße und andere Waren: Die Hausgeräteindustrie zelebrierte teils erwartbare Energieeinsparungsexzesse, teils Wunderlichkeiten und Kuriositäten. Siemens wollte die eigene Produktpalette dem Publikum erklärtermaßen „noch emotionaler“ als bisher vermitteln, und es ist fraglich, ob damit die Ahnungslosigkeit dieses Publikums nur aufgegriffen oder vielmehr noch geschürt wird.

Lächerlich, wie eine Watteinsparung auf einer Tabelle in beliebige andere elektrische Aktivitäten umgerechnet wird – als ob jemand um so und so viel länger E-Gitarre spielen würde, weil sein Kühlschrank weniger Strom braucht. Ohnehin kontrastieren die angestrengten Sparrekorde seltsam mit einer Gigantomanie der Geräte selbst. Die Kühlschränke werden zu riesigen zweiflügeligen Hausaltären, die im Idealfall auch noch twittern und aufgrund ihres Inhaltes Rezepte aus dem Internet beschaffen können und dafür natürlich auch Bildschirm und Netzanbindung brauchen.

Samsung propagierte einen 400l-Kühlschrank, und eine 12kg-Waschmaschine gilt dort als normal. Notabene wird bei Samsung auch mit „eco bubbles“ gewaschen, ökologisch korrekten Blasen also.

Ein Gerät aus der „Erlebniswelt Bügeln“, auch Bügeleisen genannt, braucht bei Siemens 3.100 W, mehr als eine Herdkochplatte, und sieht aus wie eine Armatur aus dem Raumschiff Enterprise. Siemens hat sich freilich auch sozial betätigt und am Bundespressestrand an der Spree darbenden Berlinern eine Gelegenheit zu kostenloser Wäsche gegeben.

Die IFA verschaffte dem Besucher auch Begegnungen mit unerwarteten Ausstellern. Die Nähmaschinenhersteller Singer und Pfaff zeigten ihre mittlerweile informationstechnisch hochgerüsteten Geräte, und das Presseheft Pfaffs (fast schon ein Buch) wurde zum bibliophilen Schmuckstück mit edlem Textileinband stilisiert.

Ford führte an zwei Fahrzeugen eine neue „Bedienphilosophie“ vor, mit Spracheingabe und Vernetzung mit mitgebrachten Mobilgeräten. Der Nutzen dieses Messeauftritts darf aber bezweifelt werden, denn es handelte sich offenbar um eine frühe, amerikanische Testversion – die deutsche soll erst im nächsten Jahr kommen -, die auch englische Kommandos nicht zuverlässig verstand. Ein mitgebrachter MP3-Spieler mit simplem FAT-Dateisystem wurde nicht erkannt.

Und jetzt noch ein paar Messesplitter
Mit der Messeorganisation konnte man zufrieden sein. Zwar fielen krude Ärgernisse vor – fehlende Terminliste im Pressezentrum, versperrte Hallenzugänge in den beiden Aufbautagen, Eintrittsverweigerung für eine zugesicherte Veranstaltung, WC ohne Klopapier -, aber die erfreulichen Überraschungen überwogen.

Das TecWatch-Forum war in die durchgängige Halle 11 umgezogen, die auch noch aus beiden Innenhöfen erreichbar ist. Das Pressezentrum schloss nicht schon um 20 h, sondern ließ sich noch später am Abend nutzen.

Bei der Verleihung des Chip Lifestyle-Awards wurden Balkon und Terrasse geöffnet, so dass die Gäste auch an dem gleichzeitigen Konzert im Sommergarten Anteil nehmen konnten. Dass das Freigelände ziemlich vollgestellt war, u.a. mit einem bayerischen Bierzelt und dem Concorde-ähnlichen LKW Diesel reloaded (einem Projekt u.a. von Siemens und der TU München), wird der faire Besucher mit Respekt vor der Anziehungskraft der IFA gewürdigt haben.

Den Hallenplanern wird die zunehmende Raumnot indes fürs nächste Jahr schon Kopfzerbrechen machen.

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Trotzdem – dass am zweiten Pressetag sieben (!) Termine gleichzeitig gelegt wurden, ist, gelinde gesagt, kontraproduktiv.

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Dass für die Medienwoche-Eröffnung im ICC das Platzangebot im Saal künstlich so verknappt wurde, dass die Besucher in echte Platznot kamen, erwächst offenbar aus dem zutiefst deutschen Drang, Probleme dort zu schaffen, wo noch keine sind.

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Auch die Beharrlichkeit oder Ignoranz, mit der manche Hersteller zu kleine Räume für Pressekonferenzen wählen, ist ein trauriges Kapitel.

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LG empört weiterhin durch einen grotesk überdetaillierten, schnüffelnden Akzeptanzfragebogen, der von einem nachhaltigen Unverständnis europäischer Individualität und Autonomie zeugt.

 

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