[IFA 2011, die grösste, die je stattfand] Mit drei 3D-Verfahren in Konkurrenz

14. September 2011 | by Gerhard Bachleitner

Wer glaubte, mit der IFA 2011 ginge das letztjährige Neuheitenthema 3D ins ruhige Tagesgeschäft über und böte nurmehr die üblichen Detailoptimierungen und Ausweitungen über die Produktpalette, sah sich etwas unsanft irritiert. Nun ist auch beim 3D ein Konzept- und Formatstreit aufgebrochen, der dem potenziellen Käufer die Wahl nicht eben leicht macht. Neben die bisher fast ausschließlich verwendete aktive Brillentechnik tritt recht energisch die passive mit Polarisationsfiltern, und Toshiba hält nun auch die brillenlose Autostereoskopie für marktreif.

Ohne Brille
Ein Massenmarkt wird von Toshiba (Bild oben) bei den konstruktionsbedingt hohen Preisen zwar nicht bedient, ein wichtiges Signal aber doch gesetzt. Die Bildschirmgröße von 55 Zoll beim 55ZL2G ist Teil der gut bekannten Strategie, Innovationen zunächst in der Oberklasse einzuführen; das Gerät basiert auf dem Aktivbrillenmodell 55ZL1G, das bereits mit 5000 Euro zu Buche schlägt.

Im Übrigen braucht man für die Autostereoskopie so viel Pixel wie möglich, die man auf einer größeren Fläche leichter unterbringen kann. Toshiba verwendet deshalb 4k, also 3.840 x 2.160 Pixel. Spezielle Miniaturlinsen auf der Bildschirmoberfläche lenken die beiden Teilbilder in die Richtung, in der die eingebaute Kamera den jeweiligen Zuschauer geortet hat und verfolgt.

Weil dieses Erfassungssystem von der Menschentraube, die sich bei freier Geräteaufstellung zweifellos gebildet hätte, überfordert gewesen wäre, führte Toshiba das Gerät in kleinen Kabinen vor, vor denen entsprechend lange Warteschlangen entstanden.

Die Bildhelligkeit wird systembedingt nicht beeinträchtigt, und die Verdoppelung der Pixelanzahl ist eine Errungenschaft, der wir künftig noch öfter begegnen werden.

Auf der IFA stellte Sharp einen 8k-Bildschirm aus, und von der japanischen Fernsehgesellschaft NHK ist bekannt, dass sie an einem Ultra-HD-Fernsehen arbeitet. Die enorme Rechenleistung für die Echtzeitberechnung der Bilder ist zugleich Voraussetzung für dieses 3D, wie umgekehrt Autostereoskopie, 2D-3D-Konversion, Web-Anwendungen etc. die Rechtfertigung für den Einbau starker Prozessoren sind.

Mit Polbrille
Die Pixelvermehrung ist auch genau das, was das Polarisationsfiltersystem brauchen könnte, das heuer von LG durchgängig und von Philips, Panasonic und anderen teilweise eingeführt wurde. Man fasst ja ein HD-Bild einfach als zwei verkämmte und unterschiedlich polarisierte Stereohalbbilder auf, die von der Brille getrennt werden. Die damit einhergehende Halbierung der Auflösung sei, wie man hört, kaum wahrnehmbar. „Bei dreidimensionalem Fernsehen entsteht nämlich subjektiv der Eindruck eines viel schärferen Bildes – selbst bei halbierter Auflösung“, wird Ralf Schäfer, Leiter im Bereich Image Processing im Fraunhofer-Institut Berlin zitiert (Wirtschaftswoche Nr. 35).

In der Tat ergab eine Studie der Zeitschrift Video Home Vision (10/2011), durchgeführt von TNS Infratest in München, in allen Parametern eine Überlegenheit der Polfiltertechnik. Dass hier nicht nur die erwartbaren Vorzüge in Brillanz, Flimmerfreiheit, Farbtreue u.ä. genannt wurden, sondern auch der „objektive Nachteil“ bei der Auflösung nicht gesehen wurde, irritierte die Redakteure, muss aber als Befund erst einmal hingenommen werden.

Dies berechtigt einerseits zur zügigen Einführung entsprechender Wiedergabegeräte, wird aber die Hersteller nicht abhalten, künftig mit Pixelvermehrung das einzig ernsthafte Manko der Polfiltertechnik zu beseitigen.

Mit aktiver Verschlussbrille

Die aktiven Verschlussbrillen haben vielleicht unliebsame Synchronisationsprobleme verursacht. Auf jeden Fall war die Inkompatibilität der Brillen untereinander ein unhaltbarer Zustand. Dass sich – erst vor einigen Wochen – einige, aber keineswegs alle Hersteller, Panasonic, Samsung, Sony und Xpand 3D, zu einer gemeinsamen Brillennorm verbunden haben, zeigt nachträglich, mit welcher Hast und Unüberlegtheit die Technik eingeführt wurde.

Die neue Norm wird freilich erst im nächsten Jahr wirksam. Man fühlt sich in dieser Branche seit ihrer Enteuropäisierung immer öfter an amerikanische Wildwestmanieren erinnert: erst schießen, dann fragen, will sagen: erst Endgeräte bauen, dann sich die Infrastruktur überlegen.

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