Gleiches Web für alle: US-Wissenschaftler plädieren für Beibehaltung der Netzneutralität

29. April 2011 | by TechFieber.de

 [TechBusiness] [Web] Wissenschaftler empfehlen Beibehaltung der NetzneutralitätDas Thema Netzneutralität wird in den USA heftig diskutiert. Große Telekommunikationsunternehmen fordern ihre Abschaffung. Für datenintesivere Dienste wollen sie Extragebühren kassieren – und versprechen dafür bessere Qualität. Eine neue Studie kommt nun aber zu dem Schluss, dass für beliebte Angebote wie Online-Filme und Videotelefonie keine Vorteile zu erwarten sind. Zwei Wissenschaftler haben errechnet, dass gerade die bevorzugten, schnellen Datenwege durch Premiumgebühren mehr frequentiert und damit bald überlastet würden.

Die Wirtschaftsprofessoren Benjamin Hermalin von der Berkeley University und Nicholas Economides von der New York University haben untersucht, welche privaten und gesellschaftlichen Vorteile es hätte, den Internet-Providern zu erlauben, von Inhaltelieferanten unterschiedliche Preise für den Transport verschiedener Daten zum Endverbraucher zu verlangen.

Netzneutralität wird allgemein definiert als offenes, neutrales System, das allen Anbietern von Internet-Inhalten und -Anwendungen zu den gleichen Konditionen zur Verfügung steht. Verbraucher bezahlen für den allgemeinen Zugang zum Internet, in der Regel durch eine Pauschalgebühr an ihren Internet-Service-Provider (ISP). Internet-Dienstleister, etwa E-Mail-Dienste, Suchmaschinen oder Videoportale, bezahlen die ISPs nach transportiertem Volumen, gleich ob die Daten zwischen Universitäten, Firmen oder direkt an Endkunden fließen.

Seit 2009 aber versuchen eine Reihe von Telekommunikationsfirmen und Kabelnetzbetreibern, zusätzliche Gebühren einzuführen, wenn Inhalte die bei ihnen angeschlossenen Privathaushalte erreichen. Allen voran die großen amerikanischen Telekom-Unternehmen AT&T und Verizon bedrängen die Regulierungsbehörden, die Netzneutralität aufzuheben und gestaffelte Gebühren für unterschiedliche Datenarten zuzulassen.

Diese Gebühr wollen sie von der Zugangsgeschwindigkeit abhängig machen: Will ein Anbieter schnelle Übertragungswege nutzen, muss er mehr dafür bezahlen, andernfalls fließen seine Daten nur über die Kriechspur. Die US-Regulierungsbehörde FCC hat bisher eine kostenneutrale Datenautobahn garantiert: Kleine Inhalteanbieter haben in einem neutralen Netz die gleichen Chancen wie große. Dagegen gehen die ISPs nun mit vereinten Kräften an.

Speziell Videostreaming und Videotelefonie hat die Industrie im Auge, da diese bei steigender Nutzung ihre Netzkapazitäten angeblich besonders belaste. Hermalin räumt ein, dass die meisten Wirtschaftswissenschaftler in dieser Frage wohl reflexartig zunächst zu einer marktorientierten Lösung durch Angebot und Nachfrage neigen würden. Seine Modellrechnungen ergäben aber ein anderes Bild, warnt der Wirtschaftsprofessor.

Schnelligkeit verleitet zu erhöhter Nutzung

Ein schnellerer Transport des beliebten Videostreaming-Dienstes Netflix beispielsweise verleite Kunden dazu, Netflix noch viel intensiver zu nutzen als bisher. Die schnellen Dienste würden dadurch öfter überlastet und die Vorteile der Schnellspur schnell zunichte. Hermalin und Economides geht es dabei nicht um die politische Dimension der Netzneutralität, sondern um die ökonomischen Auswirkungen. Das von ihnen erstellte Modell zeigt, dass es beim Umfang der konsumierten Inhalte zwischen Haushalten bedeutende Unterschiede geben wird. Daraus folgt, dass es zu Engpässen und Staus im Internet kommen wird. Außerdem glauben die Forscher, dass ISPs keine eigenen Inhalte oder Applikationen anbieten werden.

Eines der Resultate der Modellrechnung ist, dass die Auswirkungen von erweiterten Übertragungsbandbreiten für eine schnellere Datenlieferung wesentlich geringer ausfallen, als von den Netzbetreibern angenommen. Grund: Die breiteren Datenautobahnen locken mehr Teilnehmer an. Alle Versuche, ausgewählte Inhalte für zahlende Kunden bevorzugt zu transportieren, werden demnach an der drastisch steigenden Nachfrage nach diesen Diensten scheitern, die Überholspur wird Opfer ihres eigenen Erfolgs.

Die Autoren der Studie empfehlen daher, die bisher praktizierte Netzneutralität beizubehalten. ISPs begründen ihre Forderung nach Staffelpreisen mit der Notwendigkeit, in den Ausbau der Netze zu investieren. Hermalin und Economides halten es jedoch für genau so wahrscheinlich, dass die Netzbetreiber die «kostenlosen» Datenleitungen durch fehlende Aufrüstung bis zur Unbrauchbarkeit verlangsamen lassen könnten. Sie mahnen daher den US-Gesetzgeber, die Regulierung keineswegs völlig aufzugeben.

Erich Bonnert/dapd

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