#guttbye: Twitter und Facebook als Guttenberg-Rücktritts-Turbo

2. März 2011 | by Alex Reiger

#guttbye: Twitter und Facebook als Guttenberg-Rücktritts-TurboGuttbye, Guttenberg, ätzen die einen. Andere machen ihrem Unmut über die «Hetzjagd» auf KT Luft. Im Netz haben die Plagiatsvorwürfe und der Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zu hitzigen Debatten geführt.

Jenseits allen Spotts hat die Affäre gezeigt, wie stark das Internet im Zusammenspiel mit den klassischen Medien die Politik beeinflussen kann – wenn das Thema die Nutzer nur genügend interessiert.

Und so erwiesen sich Twitter und Facebook einmal mehr als Turbo. Erst machte die Meldung vom Rücktritt binnen Minuten die Runde, wenig später brandeten Wellen von Kommentaren auf. Als «trending topics», also besonders beliebte Themen, nannte der Kurzmeldungsdienst Twitter am Mittag «Karl-Theodor» und «Verteidigungsminister». Die Spötter hatten sich schon auf ein anderes, knappes Schlagwort (Hashtag) geeinigt: #guttbye.

«Nach STRG+C und STRG+V kommt nun ENTF», meinte etwa der Webdesigner Sven Giesen aus Moers (@svengiesen) in Anlehnung an die Tastaturkürzel für Kopieren, Einfügen und Entfernen. «Die Kanzlerin kann Guttenbergs Rücktrittsgesuch bestimmt nicht annehmen, da Zweifel an dessen Echtheit bestehen», erklärte ein anderer Twitternutzer.

Auch nach dem Rücktritt ist die Popularität des Politikers hoch. In einer Facebook-Gruppe zur Unterstützung des CSU-Manns schrieb beispielsweise ein Nutzer – wohl stellvertretend für viele: «Armes Deutschland, sag ich da nur. Ich hoffe nur, KT erholt sich schnell und kehrt zurück auf die politische Schmierenkomödiantenbühne, um dort gehörig aufzuräumen.» Und die Junge Union Dortmund weiß, wo der Feind steht: «Herzlichen Glückwunsch an alle linken Hetzer!»

Jenseits des Kampfes um die Deutungshoheit wird deutlich, wie mächtig das Internet in politischen Auseinandersetzungen sein kann – wenn das Thema die Öffentlichkeit nur genug interessiert. Nachdem in Medienberichten zunächst von einigen wenigen Plagiaten die Rede war, trugen die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Guttenplag-Wikis zahlreiche Stellen zusammen, wo Guttenberg abgekupfert haben könnte. Dank Twitter machte die Kunde vom Projekt schnell die Runde.

Bald wurde deutlich, wie massiv er sich bei anderen Autoren bedient hat. Das habe eine entscheidende Rolle für den Fall des Politikers bedeutet, meint die Social-Media-Expertin Christiane Schulzki-Haddouti: «Ohne dieses Wiki hätte er nicht zurücktreten müssen.» Denn die Fleißarbeit der Vielen hätte kein Promotionsausschuss «in dieser Gründlichkeit und Schnelle» leisten können, so die Journalistin und Bloggerin («KoopTech»).

Der Betreiber des Projektes – ein Doktorand, der anonym bleiben möchte – meint: «Auch wird aus den hier gesammelten Plagiaten der Täuschungsvorsatz offensichtlich.» Damit zerbröselte das Argument des Politikers, er habe versehentlich Textpassagen kopiert und die Fußnoten nur vergessen. Die Kraft der Kollaboration hat ihn in die Verteidigung gedrängt.

Das Internet bot vielen Bürgern zudem ein Medium, ihre Empörung öffentlich zu machen. Mehr als 50 000 Menschen – nach eigenen Angaben allesamt Doktoranden – schrieben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen offenen Brief, der es sogar in die Hauptnachrichten schaffte. Auf der Facebook-Seite der Macher schreibt einer der Unterstützer selbstbewusst: «Wir haben unseren Teil dazu erfolgreich beigetragen!»

Alte und neue Medien hätten sich ergänzt, erklärte der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Online-Portal Meedia.de: «Die so genannten Laien und die professionellen Gatekeeper können sich wunderbar ergänzen – eben das zeigt dieser Fall», sagte der Medienwissenschaftler von der Universität Tübingen. Die «drängende Schwarmintelligenz» habe die Qualitätsmedien beeindruckt und sie mit Material versorgt.

Für die Politiker heißt das: Ihre akademischen Würden könnten auf den Prüfstand geraten – wenn der Schwarm der Prüfer groß genug ist. «Künftig werden solche Verfehlungen schneller aufgedeckt, weil alles digital verfügbar ist», sagt Schulzki-Haddouti. (tf/arei/dpa)

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