[IFA] Nachlese, die dritte: Ist Deutschland bereit für 3D-HD?

27. September 2010 | by Gerhard Bachleitner

Philips Cinema 21:9 Platinum Series 3D-TV 3D-Kino Wohnzimmer

Bei der Deutschen TV-Plattform wurde, unter der Leitung von Dr. Dietrich Westerkamp, ebenfalls eine 3-D-Arbeitsgruppe zur Koordination einer möglichen 3-D-Einführung eingerichtet, die im November ein Symposium zum Thema abhalten wird. Das dortige Diskussionsthema Ist Deutschland bereit für 3D-HD? darf man getrost jetzt schon verneinen.

Die geradezu überstürzte Einführung von 3-D hat bei beiden Haupttreibern, der Film- und der Geräteindustrie, den Zweck, ein neues Innovationsziel zu setzen, das bessere Margen und höheren Umsatz mit sich bringt. Einfaches HD ist für Hersteller (finanziell) uninteressant geworden, die LED-Hintergrundbeleuchtung wird gerade zur Standardausstattung, also brauchte man ein neues Qualitätsmerkmal.

Den deutschen Rundfunkanstalten, vor allem den öffentlich-rechtlichen, kommt 3-D ganz und gar ungelegen, und entsprechend ablehnend fiel die Stellungnahme der ARD im Presseforum der PTKO aus. Die HD-Einführung bindet noch auf Jahre hinaus Mittel und Kräfte. Nicht ohne Selbstgerechtigkeit resümierte Bertram Bittel den im vergangenen Winter erfolgten HD-Regelbetrieb als erfolgreichen und zeitlich richtigen Einstieg.

Eine leise Kritik seitens der Geräteindustrie, Volker Blume von Philips, verbat er sich, doch Blume konnte später nachlegen: dass sich die ARD jetzt mit 3-D so schwer tue, liege auch daran, dass sie mit HD verspätet sei. Bittel erklärte bündig, dass man mit 3-D keine Erfahrung habe, kaum Endgeräte vorhanden seien und die Standardisierung ausstehe. Aber auch bei den Privatsendern gibt es, wie André Prahl von RTL bei der Deutschen TV-Plattform erklärte, keine konkrete Absicht, 3-D einzuführen.

Wenn, wie Herbert Tillmann, Technischer Direktor beim BR, an anderer Stelle erläuterte, die HD-Umstellung des Bayerischen Fernsehen, paradigmatisch für die Dritten Programme der ARD, für 2013/2014 zu erwarten sei, kann man sich den Zeithorizont für 3-D ausmalen. So ließ sich die Moderatorin Ingrid Scheithauer zu der süffisanten Bemerkung hinreißen, man werde bei den öffentlich-rechtlichen Sendern 3-D wohl erst dann erleben, wenn die ersten, heute gekauften Endgeräte bereits wieder ausgemustert würden.

Analogabschied beschlossen

Als Erfolg wurde bereits gefeiert, die Kampagne Klardigital 2012 auf den Weg zu bringen. Damit ist die Abschaltung der analogen Satellitenausstrahlung zum 30.4.2012 gemeint. Dieses Thema zeigte mehr Facetten, als man hätte denken mögen. Diskutiert wurde es schon länger, und die jetzt erreichte gemeinsame Festlegung ist erst einmal erfreulich, nicht zuletzt, weil die Sender, wie Dr. Andreas Bereczky, ZDF, ausführte, die frei werdenden Mittel in die HD-Produktion stecken könnten. Der Restbestand an Analogempfängern, etwa 6 Mio., scheint überschaubar zu sein, und da Satellitennutzer ohnehin einen Beistelldekoder gewohnt sind, sollte dessen Ersatz keinen schwierigen Mentalitätswandel erfordern.

Ein Repräsentant des Handels machte im Rahmen der Deutschen Plattform hingegen die Rechnung auf, wieviele Geräte der Handel täglich verkaufen müsste, um in den verbleibenden etwa 600 Tagen den Austausch zu schaffen. Die Mobilisierung der Zuschauer sei trotz der jetzt vereinbarten Videotexteinblendung kein leichtes Unterfangen, wobei der gleichzeitige Einstieg in den HD-Empfang zwar wünschenswert, aber nur zu einem Teil erwartbar sei. Relativiert wurde der Umstellungsdruck durch den Hinweis, dass viele Analoggeräte zweifellos als Zweitgeräte genutzt würden, die Haushalte also am Tag X nicht gänzlich ohne Fernseher dastünden.

Ärger macht wieder nur das Kabel, das seine Empfangsstellen offenbar nicht zuverlässig digitalisiert haben wird. So installiert man wieder den Heizer auf der E-Lok. Digital empfangene Signale werden in den Kopfstellen bei Bedarf reanalogisiert. Wenn es sich im Kabelnetz nicht um Gebietsmonopole handelte, müsste sich die Branche vielleicht fragen, ob der Digitalisierungsrückstand, d.h. die geringe Digitalisierungsbereitschaft der Kunden, nicht etwas mit ihrem Mangel an horizontalem Wettbewerb, Neigung zu Proprietaritäten und Ignoranz gegenüber den Kunden zu tun hat. Oder wie es Michael Bobrowski, Verbraucherzentrale, in der Diskussion Der Zugang zum digitalen Universum formulierte: die Lage bei der Kabeldigitalisierung zeige, dass die Kunden nicht alles mit sich machen ließen.

Eine bevorstehende Innovation im Kabelnetz könnte Abhilfe schaffen, schafft aber zugleich ein neues Migrationsproblem. Die zweite Generation der DVB-Normfamilie ist nunmehr vollständig. Prof. Dr. Ulrich Reimers, TU Braunschweig, stellte bei einem Presserundgang stolz das inzwischen auch standardisierte DVB-C2 vor, nachdem S2 schon lange, und T2 seit kurzem bereits im Einsatz sind. Die in einem 8-MHz-Kabelkanal erreichbare Bitrate von 65 MBit/s, bei anderer Parameterwahl sogar 78 MBit/s, ist in der Tat atemberaubend und erzielt das Maximum des physikalisch Möglichen. Schon in den Maßzahlen kommt die hier erreichte und im Oszillogramm auch sichtbare Signaldichte zum Ausdruck. Während man bisher im Kabelnetz höchstens mit 256 QAM (Quadratur-Amplitudenmodulation) modulierte, verwendet man bei DVB-C2 1024 oder sogar 4096 QAM.

Dass die KDG bereits im nächsten Jahr diese hocheffiziente Übertragungsart einführen will, überrascht daher nicht, doch die bislang digitalisierten Kabelkunden werden überrascht sein, wenn ihre Fernseher mit integriertem DVB-C-Dekoder oder ihre Beistelldekoder dann nicht mehr aktuell sein werden.

Terrestrische Ungewissheiten
Während die Einführung der Satellitenvariante DVB-S2 ohne großes Lamento vor sich ging und geht, weil die Umstellung mit dem Einstieg ins HD-Fernsehen zusammenfällt, ist DVB-T2 nicht mit einem solchen Mehrwert verbunden und bringt daher Probleme mit sich. Gerade hierzulande, wo die Digitalisierung der Terrestrik so ungewöhnlich entschlossen und früh betrieben wurde und gelungen ist, will man sich nicht den Unmut der Zuschauer zuziehen, die dann in einigen Jahren ihre Geräte abermals wegwerfen dürfen.

Mit dem Effizienzgewinn HD zu machen, scheut man sich, und den Mobilempfang zu verbessern, wäre eine sehr blasse Rechtfertigung für den Normwandel. Dr. Helmut Stein, namens der Arbeitsgruppe Terrestrik in der Deutschen TV-Plattform, sah jedoch nicht nur terrestrisches HD heraufziehen, sondern auch HbbTV – wobei dann jene hochmütige Bemerkung von Dr. Adrian von Hammerstein, KDG, relativiert würde, DVB-T sei nur für das analoge Kabel eine Konkurrenz gewesen. Zwar warnte man davor, den Zuschauer jetzt schon mit einem Migrationskonzept zu DVB-T2 zu irritieren, aber in der Diskussion wurde durchaus das Jahr 2012 für einen Start in einigen Ballungsräumen und 2014 für einen größeren „Roll-out“ genannt. Immerhin gibt es in England seit dem Frühjahr bereits einen Regelbetrieb, und insofern natürlich auch Endgeräte. Im übrigen muss man sich über die weitere terrestrische Strategie in Deutschland schon deshalb Gedanken machen, weil 2012 die nächste Funkverwaltungskonferenz und damit eine Neuordnung von Frequenzen ansteht.

Die Terrestrik plagen auch andere Sorgen, vor allem die Folgelasten der sog. Digitalen Dividende, die Herbert Tillmann im PTKO-Forum ungeniert und treffend einen Frequenzraub nannte. Dies um so mehr, als von interessierte Seite bereits eine Fortsetzung dieses Raubes in Gestalt einer sog. Digitalen Dividende 2 in Spiel gebracht wird. Alle waren sich über die Unverzichtbarkeit der terrestrischen Ausstrahlung einig, die Stein in einem 7-Thesen-Papier zusammenfasste. Die aktuellen Leiden an der Störstrahlungsproblematik sind noch keineswegs ausgestanden und die (Folge-)Kostenübernahme durch die Verursacher noch keineswegs geregelt. Stein hat hierzu einen neuen Verträglichkeitsbericht vorgelegt und beklagte die Hartleibigkeit des Bundeswirtschaftsministeriums.

Auch Sebastian Artymiak, VPRT, und Helwin Lesch, BR, äußerten ihr Unverständnis über dessen Gebaren. Im Terrestrik-Forum der Medienwoche konnte man die realitätsferne Haltung auch der Bundesnetzagentur in der Person von Dr. Iris Henseler-Unger im Wortlaut erleben. Als Rechtfertigung für den Frequenzraub wollte sie u.a. ins Feld führen, dass durch die für LTE umgewidmeten Rundfunkfrequenzen ein neuer Verbreitungsweg für den Zuschauer entstehe. Sie unterschlug dabei, dass die neue Netznutzung kostenpflichtig ist, während das Rundfunknetz quasi Gemeingut war, dessen Nutzung in der Rundfunkgebühr bereits enthalten war. Überdies ist LTE für die Rundfunknutzung schlecht geeignet und eben auch technisch nicht sinnvoll. Notabene werden beim Umstieg auf DVB-T2 auch jene geraubten Frequenzen fehlen, die man für Simulcast brauchen wird.

Foto: Philips Full HD 3D Cinema 21-9 Platinum Series

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