[IFA] Nachlese, die erste: 3D zum Greifen nah

23. September 2010 | by Gerhard Bachleitner

IFA 3d Nachlese 3D-TV

3D auf allen Nasen: Noch nie hat man so viele Brillenträger auf einer Messe gesehen. Allenthalben boten die Hersteller von Fernsehern den Blick in die Tiefe des Raumes. Was auf der vorigen IFA noch in den Kinderschuhen steckte – steckt jetzt immer noch in den Kinderschuhen, wird aber mit enormer Energie und Überzeugungskraft angeboten, und das hat schon auch sein Gutes.

Ungute Erinnerungen an die schleppende Einführung von HDTV, der DVD, das Hickhack um den DVD-Nachfolger, an das sabotierte DAB geben den Rahmen ab. Allerdings kann auch die Einführung von 3D-TV nicht zufriedenstellen. Endgeräte sind da – und in Deutschland davon angeblich schon 40.000 verkauft -, ohne dass eine Ausstrahlungsnorm verabschiedet worden wäre.

Der auslösende 3-D-Boom im Kino spiegelt sich überhaupt nicht im Bluray-Angebot. Dem grundsätzlichen Interesse der Verbraucher an der neuen Technik, das eine aktuelle Studie des ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie) belegen soll, steht eine signifikante Ablehnung der derzeit nötigen Brillenverwendung entgegen, wie sie gerade eben die Zeitschrift Digitalfernsehen ermittelt, fast 45% Ablehnung des Brillenzwangs (Stand Mitte September). Die Inkompatibilität der Brillen ist ein geradezu klassischer Fehler der Geräteindustrie, auch wenn er durch Rücksichten auf die herstellerspezifischen Strategien zur Kompensation des Übersprechens zwischen den Stereokanälen entschuldigt werden kann. Offensichtlich ist man erst im Laufe der Geräteentwicklung auf das Problem gestoßen und hatte keine Zeit mehr, eine standardisierbare Lösung zu finden.

Da die Hersteller die neue Technik vom oberen Preissegment her in ihr Gerätesortiment einführen, hält sich der Schaden in Grenzen. Bis zum Massenmarkt muss und wird noch viel geschehen und wird auch noch ein vernünftiger Ausstrahlungsstandard zu entwickeln sein. Als Wiedergabegerät der Wahl wird der LCD-Fernseher propagiert, obwohl Plasma aufgrund bestimmter Vorteile bei 3-D eine kleine Renaissance erlebt.

Die Vorteile einer kinoähnlichen Projektion schlagen sich im Geräteangebot kaum nieder. Sony stellte einen 1080p-Projektor vor, nannte aber noch keinen Preis. Panasonic zeigte eine semiprofessionelle 3-D-Kamera (1400 Euro UVP) in einer angenehm kompakten Bauform, die sie einem 3-D-Vorsatz verdankt, wie man ihn früher auch schon in der Stereophotographie verwendet hat. Dieser wird einfach vor die Linse der sonst herkömmlich gebauten Kamera geschraubt und sammelt die beiden Teilbilder ein. Von Fuji gibt es schon seit einiger Zeit ein Komplettangebot für Stereophotographie, von der zweilinsigen Kamera über den Stereomonitor bis zum 3-D-Fotodruck aus dem Labor.

Von der Zentralperspektive in den Raum

Die 2-D-3-D-Konversion ist nicht nur eine spannende mathematische Aufgabe, sondern auch von großem kommerziellem Interesse, weil man auf diese Weise vorhandenes Filmmaterial mit einem Mehrwert neu auf den Markt bringen und die neuen 3-D-Kanäle füllen kann. Wenn man genügend Zeit zur Nachbearbeitung hat, kann man hervorragende Ergebnisse erzielen. Beispiele sahen wir etwa bei der Berliner Firma imcube, einer Ausgründung der TU Berlin, wo man u.a. die BBC-Dokumentation über den Planeten Erde verräumlicht hat. Sony hat Michael Jacksons posthumen Film bearbeitet und wird ihn zum Jahresende herausbringen. Sogar die Gitarrenlegende Jimi Hendrix sahen wir dreidimensional – auf körnig-rauschendem 16mm-Film, ansonsten aber sehr überzeugend. Ideal für die Raumrekonstruktion sind natürlich Kamerafahrten, weil man dabei Information über den Raum bekommt, die man in ein 3-D-Bild einrechnen kann. Solche Sequenzen sind inzwischen automatisiert und korrekt konvertierbar.

In den anderen Fällen sind Entscheidungen und Eingriffe nötig. Was genau bei Echtzeitkonversionen in den 3-D-Fernsehern gemacht wird, d.h. welche Kriterien zur Raumrekonstruktion herangezogen werden, konnten wir nur umrisshaft in Erfahrung bringen; rasch hat man es mit Geschäftsgeheimnissen zu tun, über die keine Auskunft gegeben wird. Die Ergebnisse fallen oft überraschend gut aus, aber wenn etwas nicht stimmt, ist es gleich sehr befremdlich. Hier reagiert das menschliche Auge viel kritischer als wenn, wie seit vielen Jahren in der Akustik üblich, mit DSP-Prozessoren Hörräume aus zweikanaligen Aufnahmen rekonstruiert werden.

Es kann auch vorkommen, dass im rekonstruierten Raum Täuschungen sichtbar werden, die man bisher in der Bildgestaltung ausnutzen konnte. Bei Prügelszenen hält die schlagende Faust einen Abstand zum vorauseilend zurückweichenden Gegner. Flächig betrachtet sieht man den Abstand nicht, doch in 3-D wird er offenbar.

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