Ekel-Faszination der Gier: Sascha Lobo präsentiert Roman „Strohfeuer“ rund um den Niedergang der „New Economy“

19. September 2010 | by TechFieber.de

 Ekel-Faszination der Gier:  Sascha Lobo stellt Roman Strohfeuer vor rund um den Niedergang der New Economy
Sascha Lobo hat eine sehr genaue Vorstellung davon, was die eigentliche Faszination seines neuen Buchs ausmacht: „Es handelt von einem Arsch.“ Genau deshalb bleibe möglicherweise auch der Leser dabei, der die Anfänge des Geschäftswahns mit dem Internet damals Ende der Neunziger gar nicht erlebt oder eher unbeteiligt verfolgt habe, sagt Lobo, bisher bekannt als Web-2.0-Größe, Twitterer, Blogger, Werbetexter und Autor von Sachbüchern, bei der Vorstellung seines ersten Romans „Strohfeuer“ in der Berliner Backfabrik.

Das Buch füttere quasi die „Ekel-Faszination“, erklärt der 35-Jährige, eine Eigenschaft, die sich erst in den vergangenen Jahren mit Fernsehserien wie „Stromberg“ und „The Office“ voll und ganz entwickelt habe. „Du denkst die ganze Zeit, was für widerliche Wichser.“

Der Traum vom großen Kracher

Auch bei Lobos Hauptfiguren Stefan und Thorsten kommt genau dieser Gedanke auf. Verheißungsvollen Geschäftsideen verfallen und gierig nach Geld, Geltung und Sex gehen sie zumindest über Tierleichen und hinterlassen Scherben, überall.

Alles beginnt auf einer Silvesterfeier, 1999 zu 2000. Thorsten ist schon gefangen vom „Dotcom-Boom“, von dem Glauben daran, dass das Aufkommen von Computern und Internet völlig neue Märkte entstehen lässt. Nahezu täglich gründeten sich in dieser als New Economy bezeichneten Epoche neue Unternehmen in zukunftsträchtigen Brachen wie Multimedia, Biotechnologie oder Erneuerbare Energien.

Nicht wenige Menschen glaubten, von dieser Entwicklung profitieren zu können und gründeten Agenturen, die durch gezielte Vermarktungsstrategien vor allem Investoren auf die Jungunternehmen aufmerksam machen wollten – und damit nur noch mehr heiße Luft in die Blase pumpten.

„Irre viel Geld im Markt. Du sagst nur laut eine Idee, und schon zwingen sie dich, ein Start-Up zu gründen“, sagt Thorsten zu Stefan. Seine Idee: „Wir beteiligen uns an den Start-Ups. Investieren und so. Dann – zack! – kriegen wir als Gegenleistung auch den Auftrag für die Kommunikationsentwicklung. Werbung, PR, Online, all of it. Kracher, oder??

Stefan geht auf Thorstens wahnwitzige Versprechungen vom großen Geld ein. Damit ist ein Weg vorgezeichnet, der letztlich mit dem Versuch endet, die Agentur im Spielcasino zu retten. Bis dahin starten die beiden am laufenden Band größenwahnsinnige Aktionen: Sie kaufen sich einen voll ausgestatteten Audi A8 und zwei VW Golf für zusammen 200.000 D-Mark. Sie schneiden einem Ferkel die Kehle durch, einem anderen kleben sie Gaffer-Tape ums Maul, bis das es erstickt. Und das, um Kunden, die ihre Rechnungen nicht zahlen, mit einem blutigen, toten Schweinekopf mal so richtig erschrecken zu können.

Stückeweise biografisch

Vieles an „Strohfeuer“ ist erfunden und bei weitem übertrieben. Sich mit einem der beiden Charaktere voll und ganz zu identifizieren, wird wahrscheinlich nicht einmal dem gelingen, dessen Leben sich zu Beginn des neuen Jahrtausends in Berlin abspielte und allein von der Sucht nach dem „großen Ding“, nach neuen Ideen, Erfolg, Reichtum, Feiern und Sex geprägt war.

Lobo kennt diese Welt. Mitte 2000 gründete er eine auf die New Economy spezialisierte Werbeagentur und schuf damit quasi eine Blase auf der Blase. Ein Jahr später ging das Unternehmen Pleite. Autobiografisch sei das Buch zwar nicht, sagt er. Dennoch zehre jede Figur von seinen Erinnerungen und trage zumindest ein Stück von denen in sich, die er damals gut kannte.

Auf die Kritik eines Autors der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Lobo sei „erschreckend unbelesen“ – schließlich gebe es mit „Das Jahr der Wunder“ (2001) bereits einen Roman, der den Niedergang einer Agentur in der „New-Economy-Blase“ beschreibt, hat der 35-Jährige eine sehr persönliche Antwort. Er habe knapp zehn Jahre Abstand gebraucht, um das, was 2000 ablief, zu begreifen. Richtig bewusst geworden sei ihm die Dimension erst 2009, als das Ausmaß der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise sichtbar wurde.

Vielleicht muss man einmal im Leben einen solchen Crash durchlebt haben, um nicht dem nächsten großen Ding zu verfallen. Vielleicht, und so endet auch Lobos Buch, lockt das nächste große Ding aber auch manche Menschen immer wieder.

mei/dapd

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