[Loveparade] Bedenken bis zuletzt: Loveparade Duisburg wurde erst kurz vor Beginn genehmigt

27. Juli 2010 | by TechFieber.de

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Zu den Sicherheitsmängeln bei der Loveparade in Duisburg kommen weitere Einzelheiten ans Licht. Der «Kölner Stadt-Anzeiger» (Onlineausgabe) berichtete am Dienstag, die Verantwortlichen hätten bis zuletzt überlegt, die Technoparade abzusagen. Die «Süddeutsche Zeitung» (Dienstagausgabe) meldete, die Polizei in Duisburg sei mit ihrem Sicherheitsbedenken auf starken politischen Widerstand gestoßen. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sagte dagegen, er habe von solchen Bedenken nichts gewusst. Die Deutsche Polizeigewerkschaft forderte einen Sicherheits-TÜV für Großveranstaltungen.

Bei der Loveparade war es am Samstag in einem Tunnel zu einer Massenpanik gekommen. Dabei wurden 16 Menschen getötet. Vier weitere starben später im Krankenhaus. Es gab mehr als 500 Verletzte.

Nach Informationen des «Kölner Stadt-Anzeigers» hat die Duisburger Stadtverwaltung erst Stunden vor dem Beginn der Party die ordnungsbehördliche Genehmigung unterschrieben. «Freitagnachmittag lag sie noch nicht vor», zitierte die Zeitung einen Insider. Dem Blatt zufolge wurden Mitarbeiter der Stadtverwaltung systematisch unter Druck gesetzt, um die Genehmigung abzunicken. Der Direktor der Berufsfeuerwehr habe im Oktober 2009 in einem Brief an Oberbürgermeister Sauerland gewarnt, das Gelände am alten Güterbahnhof sei «physikalisch nicht geeignet» für eine Veranstaltung dieser Größenordnung.

Sauerland versicherte hingegen: «Mir sind keine Warnungen bekannt.» Es gebe bei der Planung solcher Veranstaltungen immer kritische Stimmen, die man auch immer sehr ernst nehme. Aufgabe der Stadt sei es, zu prüfen ob beantragte Veranstaltungen durchgeführt werden können. «Und genau das haben wir auch in diesem Fall gewissenhaft getan», beteuerte Sauerland.

Die «Süddeutsche Zeitung» berichtete, die Polizei habe im Vorfeld der Loveparade gegenüber dem Veranstalter und der Stadt Bedenken am Sicherheitskonzept geäußert. Der Veranstalter habe jedoch nicht reagiert. Der Duisburger CDU-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg habe in einem Brief an den damaligen NRW-Innenminister Ingo Wolf (FDP) die Absetzung des damaligen Duisburger Polizeipräsidenten Rolf Cebin gefordert, weil dieser heftige Sicherheitsbedenken gegen die Loveparade geäußert habe. «Die Duisburger Polizei ließ erklären, eklatante Sicherheitsmängel stünden der Durchführung der Loveparade entgegen. Eine Negativberichterstattung in der gesamten Republik ist die Folge», zitierte das Blatt aus einem Schreiben Mahlbergs von 2009. «Der Eklat veranlasst mich zu der Bitte, Duisburg von einer schweren Bürde zu befreien und den personellen Neuanfang im Polizeipräsidium Duisburg zu wagen.» Cebin ging im Mai 2010 in den Altersruhestand.

Der ehemalige WDR-Intendant und Chef von Ruhr.2010, Fritz Pleitgen, stellte sich hinter die Organisatoren der Loveparade. Bei der Entscheidung der Verantwortlichen werde Sicherheit höchste Priorität gehabt haben. «Aber offensichtlich ist nicht alles bedacht worden, sonst hätte es nicht zu dieser Katastrophe kommen können«, sagte Pleitgen. Das sei Sache der Ermittlungen. »Sicherheitsbedenken sind mir nie zu Ohren gekommen«, versicherte Pleitgen. »Wäre das der Fall gewesen, hätte ich sofort gesagt: Lasst es!»

Polizeigewerkschaftschef Rainer Wendt sagte: «Das Sicherheitskonzept für Massenveranstaltungen ist derart anspruchsvoll, dass es nicht allein in den Händen einer Stadtverwaltung liegen darf.» Es sei zwingend erforderlich, eine Art TÜV für Großveranstaltungen einzuführen. „Künftig sollten Mega-Ereignisse wie die Loveparade nur noch möglich sein, wenn der zuständige Landesinnenminister die Pläne vor einer Genehmigung genau abgeklopft und grünes Licht gegeben hat», sagte Wendt. Nur so lasse sich ein Optimum an Sicherheit garantieren. «Die vielfältigen Risiken einer Großveranstaltung mit Hunderttausenden Menschen sind von einer städtischen Ordnungsbehörde oder dem Rat einer Kommune gar nicht zu überschauen», sagte er. Ganz zu schweigen von der Gefahr, dass Sicherheitsbedenken kleingeredet würden, weil die Verantwortlichen im Ort sich unbedingt mit einer Mammutveranstaltung schmücken wollten.

(Weitere Quellen: Sauerland in der Düsseldorfer «Rheinischen Post»; Pleitgen in der «Frankfurter Rundschau»; Wendt in der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Dienstagausgaben))

tf/war/dts

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