[Loveparade] Round-up: Suche nach Schuldigen der Katastrophe hat begonnen – Staatsanwalt ermittelt

25. Juli 2010 | by TechFieber.de

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Nach der Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg mit 19 Toten und 342 Verletzten hat die Suche nach den Schuldigen an der Tragödie begonnen. Die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen zur Unglücksursache auf. Bislang gingen bei den Behörden zwei Strafanzeigen ein. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) kündigte eine lückenlose Aufklärung der Unglücksursache an. Unterdessen wurde heftige Kritik am Sicherheitskonzept laut. Derweil verkündeten die Organisatoren das Aus der Loveparade.

Ausgangspunkt der Tragödie war ein rund 300 Meter langer Tunnel, in dessen Mitte sich ein gepflasterter Aufgang zum Festivalgelände, dem alten Duisburger Güterbahnhof, befindet. Augenzeugen berichteten, dass an dieser Stelle dichtes Gedränge und Geschubse geherrscht habe. Nach Polizeiangaben wollten einige Menschen eine Mauer und Treppe hinaufklettern. Als sie abstürzten, brach laut Polizei Panik aus. Augenzeugen sagten indes, dass niemand abgestürzt sei. Der Tunnel sei vielmehr so voll gewesen, dass Menschen zu Tode getrampelt worden seien. Ein Polizeisprecher dementierte dies.

Der westliche Tunnel war nach Angaben des stellvertretenden Polizeipräsidenten von Duisburg, Detlef von Schmeling, bis zum Unglück der einzige Zu- und Abgang zum Veranstaltungsgelände. Nach Bekanntwerden der Todesfälle sei der südliche Tunnel geöffnet worden. Die bisher genannte Zahl von 1,4 Millionen Besucher bei der Loveparade konnte Schmeling nicht bestätigen.

Nach Angaben der Polizei vom Sonntagabend wurden inzwischen alle 19 Todesopfer identifiziert. Unter den Opfern seien acht Ausländer: aus Australien, den Niederlanden, Italien, Bosnien-Herzegowina und Spanien. Zudem handle es sich um eine in Düsseldorf lebende Chinesin. Die deutschen Opfer stammen laut Polizei aus Gelsenkirchen, Münster, Castrop-Rauxel, Bad Oeynhausen, Bielefeld, Mainz, Lünen, Hamm, Bremen, Steinfurt und Osnabrück.

Von den getöteten Besuchern sei keiner im Tunnel zum Veranstaltungsgelände ums Leben gekommen, sagte Schmeling. 14 seien von einer Metalltreppe an der westlichen Seite des Zugangs gestürzt, zwei seien an einer Plakatwand am Aufgang zum Gelände ums Leben gekommen. Die anderen starben im Krankenhaus.

Rund 100 Notfallseelsorger waren im Einsatz, um sich um Verletzte und Angehörige von Betroffenen zu kümmern. Jens Peter Iven von der Evangelischen Kirche im Rheinland sprach von einem der größten Einsätze von Notfallseelsorgern in Deutschland.

Sicherheitskräfte hatten nach Angaben der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) bereits vor der diesjährigen Loveparade massive Vorbehalte geäußert. Duisburg habe sich mit der Veranstaltung übernommen, sagte der DPolG-Bundesvorsitzende Rainer Wendt: «Das war einfach eine Nummer zu groß.» Die Zugangswege zu dem Gelände am alten Güterbahnhof seien «offensichtlich für diese Menschenmassen ungeeignet» gewesen. Einiges deute darauf hin, dass die Veranstalter sich über Bedenken hinweggesetzt hätten.

Schmeling verteidigte derweil das Sicherheitskonzept. Teil davon sei die Regulierung der Besucherströme zum Tunnelzugang gewesen, die auch erfolgt sei. Teilnehmern sei zu keinem Zeitpunkt der Zugang zum Gelände versperrt gewesen. Laut Schmeling hatte die Polizei keine eigenen Kameras zur Beobachtung der Menschenmassen in dem Tunnel, sondern beobachtete die Lage per Hubschrauber.

Der Verhaltensbiologe Jens Krause von der Berliner Humboldt-Universität sagte, die Massenpanik hätte von den Ordnern kaum verhindert werden können. «Sicherheitskräfte sind in so einem Fall auch machtlos, ein einzelner kann da nicht eingreifen», fügte Krause hinzu. Die Wahl des Festgeländes sieht er kritisch: «Der Tunnel ist ein Flaschenhals, da komprimiert sich die Menge.» Engstellen wie diese seien immer gefährlich und müssten kontrolliert werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte am Sonntag in Bayreuth umfassende Untersuchungen zum Unglück bei der Duisburger Loveparade. «Wir müssen alles tun, damit sich so etwas nicht wiederholt», betonte die Kanzlerin. Auch die Eltern, die ihre Kinder zu so einer Großveranstaltung ließen, müssten sicher sein können, «dass so etwas nie nie wieder passiert».

In Duisburg machten sich derweil Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) sowie Kanzleramtsminister Ronald Pofalla und Bundesministerin Kristina Schröder (beide CDU) gemeinsam ein Bild von der Lage vor Ort. Kraft legte am Sonntag an der Unglücksstelle einen Blumenstrauß nieder. Zum Gedenken an die Opfer ordnete der NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) Trauerbeflaggung für alle öffentlichen Gebäude im Land an.

Loveparade-Geschäftsführer Rainer Schaller zeigte sich tief betroffen und sagte: «Worte reichen nicht aus, um das Maß meiner Erschütterung zu erklären.» Die Loveparade sei immer eine fröhliche und friedliche Veranstaltung gewesen. Sie wäre in Zukunft stets von den tragischen Ereignissen in Duisburg überschattet worden. Das bedeute das Aus der Loveparade.

Die Ruhr.2010 kündigte derweil an, ihr nächste Großveranstaltung den Opfern der Loveparade-Katastrophe zu widmen. Am 12. September wird im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres in Duisburg die 8. Sinfonie von Gustav Mahler, die «Sinfonie der 1000», aufgeführt, wie Ruhr.2010-Sprecher Marc Oliver Hänig sagte.

(Quellen: Krause im ddp-Interview; Iven auf ddp-Anfrage; Hänig in der «Bild»-Zeitung (Montagausgabe); Merkel in Bayreuth; Wendt in der «Hannoverschen Allgemeinen Zeitung» (Montagausgabe), alle anderen in Duisburg und in Mitteilungen)

tf/war/ddp

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