Das Netz trauert nach der Loveparade: Beileids-Bekundungen und Vermissten-Anzeigen bei Facebook und Twitter

25. Juli 2010 | by TechFieber.de

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Der Tod von mindestens 18 Menschen bei der Loveparade hat am Samstag Trauer und Bestürzung auch in der Internetgemeinde ausgelöst. Allein der Mikroblog Twitter verzeichnete am Abend nahezu 100 neue Kurzmitteilungen im Minutentakt zu der Katastrophe bei dem Techno-Fest in Duisburg. Neben Beileidsbekundungen an Angehörige der Opfer nutzten auch viele Menschen Twitter, um verzweifelte Vermisstenmeldungen zu verbreiten und so Gewissheit über das Schicksal von Töchtern, Söhnen oder Freunden zu erlangen.

In das Mitgefühl für die Betroffenen mischte sich bei Vielen auch Zorn auf die Veranstalter des Großereignisses. «Angeblich alles durchgespielt, aber nicht daran gedacht, dass Leute irgendwo hochklettern könnten», kritisierte eine Nutzerin. «Ich kann nicht nachvollziehen, warum noch cirka 70 000 feiern», schrieb eine Andere kurz vor Mitternacht.

Auch im Internet-Gästebuch der WDR-Jugendwelle 1Live machten Hörer ihrem Ärger Luft. «Dieser Tunnel konnte für alle ersichtlich nicht funktionieren! Schon gar nicht in beide Richtungen gleichzeitig!!!!», hieß es dort. «In jeder Dorfdisco sind Ein- und Ausgang voneinander getrennt.» Ähnlich sah es ein anderer Hörer, der deshalb neben den Veranstaltern auch Stadt und Polizei in der Verantwortung sah. «Ich habe jahrelang im Rettungsdienst gearbeitet und es ist noch nie zu einer solchen Panik gekommen. Selbst bei Rock am Ring, wo zwar weniger Menschen sind, reicht ein Eingang nicht aus», schrieb der 26-Jährige.

Das Unglück löste in der Internetgemeinschaft auch hitzige Diskussionen über die Grenzen der journalistischen Berichterstattung aus. Hauptziel der Kritik war die «Bild»-Zeitung. Sie hatte am Samstag auf ihrer Internetseite Fotos von nur notdürftig mit Tüchern zugedeckten Leichen veröffentlicht – eines davon mit der Bildunterschrift «Ein Foto das Gänsehaut vermittelt – zwei Tote am Haupteingang». «Duisburg: Herzlich willkommen zur BILD-Loveparade-Leichenschau!», twitterte ein erboster Nutzer. «Der Sensationsjournalismus der Bild erzeugt bei mir Würgereiz», schrieb ein Anderer.

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Zahlreiche Mikroblogger riefen zum Boykott der Zeitung auf und veröffentlichten den Link zum Beschwerdeformular des Deutschen Presserats. Einige Gegenstimmen gab es aber auch: «Erkenne da keine Toten. Echauffiert euch mal lieber über die Politiker die euch ins Gesicht lügen», schrieb eine Nutzerin. Andere lenkten die Aufmerksamkeit auf die Helfer. «Was leider immer ein wenig untergeht: die großartige Arbeit der Rettungskräfte. Ziehe meinen Hut», hieß es in einer Twitter-Nachricht.

Auch die Stars der Loveparade äußerten sich per Internet. Der französische DJ David Guetta hatte wegen des Unglücks seinen Auftritt auf der Hauptbühne abgesagt. «Was heute geschehen ist, ist herzzerreißend und noch nie dagewesen», schrieb Guetta auf seiner Twitter-Seite. Er rief seine Fans auf, ruhig den Heimweg anzutreten und sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus.

In einem waren sich viele Internetnutzer einig: Die Katastrophe vom Samstag wird womöglich das Ende des einst als Berliner Friedensdemonstration begonnenen Raver-Treffens bedeuten. Ein Hörer von 1Live schrieb: «Meiner Meinung nach war die Love-Parade 2010 die letzte seiner Art, dieses Unglück werden die Fans nie mehr vergessen können.»

tf/mei/ddp

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Comment (1)

  1. Jens says:

    Zu den Grundpflichten von (Ober-)Bürgermeistern und ihrer Dezernenten gehört die Gewährleistung öffentlicher Sicherheit und Ordnung. Bisher 19 Tote und geschätzte 340 Verletzte sind Anlaß genug, um festzustellen, daß die Verwaltungsspitze der Stadt Duisburg am 24.07.2010 nicht fähig oder nicht willens war, den Schutz des Lebens und der körperlichen Unversehrtheit einer großen Anzahl von Menschen sicherzustellen, nachdem die Vergangenheit gezeigt hatte, daß dies in anderen Städten teilweise mehrfach möglich war. Es handelte sich also nicht um eine unbekannte und nicht um eine unlösbare Aufgabe. Ich frage mich, wie die politisch verantwortlichen Akteure die Frechheit besitzen können, jetzt immer noch zu tun, als hätten sie alles richtig gemacht. Für Sicherheitskonzepte gibt es ein ganz einfaches Qualitätskriterium: Nix passiert = gutes Sicherheitskonzept, Tote und Verletzte = schlechtes Sicherheitskonzept. Bei der Anzahl von Toten und Verletzen dürfte es sich um das blutigste Ereignis in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg handeln, daß seinen Anfang ohne äußeren, gewaltsamen Anlaß (Zugunglück, Flugzeugabsturz, Anschlag, …) nahm. Wie man in einem Land, in dem – mit Verlaub – jede Pommesbude einen zweiten Notausgang haben muß, auf die Idee kommen kann, innerhalb zu erwartender 18 Stunden (12 bis 0 Uhr) zu erwartende 1 Million Menschen bei zu erwartenden sommerlichen Temperaturen durch einen 20 m breiten Tunnel zweimal (Hin- und Rückweg) durchzupeitschen kann nur durch komplette Unkenntnis von Grundrechenarten (mit herzlichem Gruß an die „Panikexperten“) und/oder Realitätsverlust erklärt werden. A propos Realitätsverlust: Der Herr Oberbürgermeister und der Herr Dezernent wirkten auf ihrer höchstpeinlichen Anti-Pressekonferenz am Sonntag vermutlich bereits so irreal und deplaziert, weil sie auf den Stühlen, auf denen sie saßen, außer zur Erklärung ihres Rücktritts eigentlich nichts mehr zu suchen hatten. Jeder nichtverbeamtete Bürger, der für 19 Tote und dreistellige Verletztenzahlen verantwortlich wäre, hätte zu dem Zeitpunkt schon im Knast gesessen. Zu Recht.

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