[Netzpolitik] Gauck for President: Politischer Einfluss der Internet-Community wächst

21. Juni 2010 | by TechFieber.de

Das Netz hat gesprochen. Frühzeitig haben sich tausende Nutzer auf Joachim Gauck festgelegt. Sie schreiben sich die Finger wund, sei es auf neu eingerichteten Webseiten, in sozialen Netzwerken oder beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Vor der Wahl eines Bundespräsidenten soll es eigentlich keinen Wahlkampf geben. Während sich die Parteien deshalb zurückhalten, läuft im Netz aber eine rege Kampagne.

Gewinnen Internetuser wirklich an Macht? Oder ist das alles nur ein Sturm im Wasserglas? «Natürlich wird im Netz nun ausprobiert, wie weit der hier organisierbare politische Einfluss reicht», sagt der Politikblogger Robin Meyer-Lucht. Und der Netzwerkforscher Peter Kruse twitterte: «Nach der ersten Überraschung über die eigene Wirkungskraft erproben die Netze nun gezielt ihre politische Macht.»

Die Flut der Beiträge – erst gegen eine Nominierung Ursula von der Leyens, dann für den früheren Chef der Stasiunterlagen-Behörde – sieht Meyer-Lucht als Ausdruck politischen Unmuts. «Die Unterstützung für Gauck speist sich – auch im Netz – aus der Verzweiflung über die politische Führungselite und besonders die aktuelle Koalition.» Die Menschen kritisierten damit letztlich auch «das System Merkel».

Blogs und soziale Netzwerke helfen ihnen. Dort kann sich jeder äußern. Bei Facebook sind mehr als 32 000 einer Gruppe beigetreten, die Gauck als Präsident sehen will. Bei Twitter signalisiert das Schlagwort «MyGauck» die Unterstützung für den 70-Jährigen. Das findet wiederum in den klassischen Medien Widerhall.

Viele Beobachter in Deutschland sind sich einig, dass man hierzulande von amerikanischen Verhältnissen weit entfernt ist. Einige Blogs in den USA werden genauso ernst genommen wie Zeitungen oder TV-Sender. Manch einer spricht schon von der «sechsten Gewalt» – nach den drei klassischen Gewalten sowie Presse und Lobbyisten.

Allerdings gibt es einen Wandel. «Blogs und etablierte Medien greifen immer öfter Themen voneinander auf», sagt Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. Blogthemen finden sich in etablierten Medien wieder, nicht nur weil einzelne Blogger gleichzeitig für Zeitungen arbeiten, sondern weil den in Blogs vorhandenen Meinungsströmungen zunehmend öffentliches Interesse entgegengebracht wird.

Die SPD freut sich natürlich über die Unterstützung ihres Kandidaten. In der Vergangenheit hätten im Netz überwiegend Kampagnen gegen etwas stattgefunden, sagt eine Parteisprecherin. Die jetzige Unterstützungswelle sei einer der ersten Fälle, in denen sich Aktivisten im Internet für eine Sache starkmachen. Und für die Grünen steht fest, dass sich das Netz politisiert.

Doch auch CDU und FDP bemühen sich um die Gunst von Wählern mit Neigung zum Netz. Ihr Kandidat Christian Wulff hat sich in einem Live-Chat den Fragen aus dem Internet gestellt. Die Linken unterstützen ihre Bewerberin Luc Jochimsen ebenfalls online.

Bisher will es aber nicht recht gelingen, die Gauck-Unterstützer aus dem Internet für Aktionen auf der Straße zu gewinnen. Bei einer Pro-Gauck-Kundgebung in München hatten die Initiatoren mit hunderten Teilnehmern gerechnet. Tatsächlich kamen vor wenigen Tagen ein paar Dutzend Menschen.

Initiator Christoph Giesa macht dafür vor allem das Regenwetter verantwortlich. «Ich will mir das jetzt nicht kleinreden lassen», sagt er über seine Bewegung, die ihren Ursprung bei Facebook fand. Er weiß aber auch: «Leute auf die Straße zu bringen, ist insgesamt schwer in Deutschland.»

Auswirkungen in der realen Welt hat die virtuelle Begeisterung für Gauck ohnehin nicht. Der Bundespräsident wird schließlich nicht vom Volk direkt gewählt. Allenfalls könnte sich das eine oder andere Mitglied der Bundesversammlung – Bundestag und Bundesrat entsenden 1244 Wahlmänner und -frauen – davon beeindrucken lassen.

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Kommentare (2)

  1. […] mein Rat: Twittern Sie sich doch einfach Ihren eigenen Bundespräsidenten Gauck oder Wulff […]

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