[Feature] Satelliten-Telefone: Teure Gespräche über den Orbit sind nur noch bei Sicherheits-Leuten, Journalisten und Abenteurern populär

23. April 2010 | by TechFieber.de

satelliten telefon iridium
Mit dem Handy kann in allen Ländern der Erde telefoniert werden – zumindest in den Ballungsräumen. Doch es gibt Gegenden, die nicht von GSM-Netzen erfasst sind. Eigentlich für die Seefahrt entwickelt, ermöglichen deshalb Satellitentelefone auch auf dem Mount Everest oder im ewigen Eis Grönlands Telefonate. Wer in den Weiten Nordkanadas auf Paddeltour ist, kann trotzdem seine Oma im Ohrensessel anrufen. Die oft klobigen Geräte von der Größe eines Netbooks sind ein absolutes Nischenprodukt, dessen Betrieb zudem teuer ist. Doch für Abenteuerlustige und Forschungsreisende vermitteln sie ein Stück Sicherheit. Allerdings nur bei klarem Himmel.

René Därr, Geschäftsführer der Firma Expeditionstechnik Därr im bayerischen Hohenthann, fallen trotz der fortschreitenden weltweiten Verbreitung der konventionellen Handynetze gleich massenweise Anwendungsbereiche ein: Neben Fernreisenden, die in Wüsten, Bergen oder allgemein dünn besiedelten Gebieten Anbindung haben wollten, gehörten Satellitentelefone im maritimen Bereich zur Standardausrüstung. Kriege und Katastrophen schafften weitere Einsatzszenarien. Medien, die aus Krisengebieten berichteten, setzten auf Satellitenkommunikation. «Wir leben auch von solchen Situationen, die eintreffen – sei es das Erdbeben in Haiti oder der Krieg in Afghanistan», sagt Därr.

Auch Großveranstaltungen verschaffen ihm und seinen Konkurrenten – es gibt in Deutschland eine Handvoll Service-Provider im Bereich der Satellitentelefonie – Geschäfte. Beim Deutschlandbesuch von US-Präsident Barack Obama im vergangenen Jahr seien an den Aufenthaltsorten je im Umkreis von einigen Kilometern die Handynetze abgeschaltet worden, um «das Fernsteuern von Bomben über die Netze zu vermeiden». Sicherheitsbehörden wie Polizei und Feuerwehr setzten dann auf Satellitentelefone.

Doch die Satellitentelefonie ist und bleibt eine Spezialanwendung. Das findet auch Urs Mansmann von der Zeitschrift «c’t»: «Die Zielgruppe ist eben nicht Otto-Normal-Verbraucher», der in der Regel mit den GSM-Netzen bestens bedient sei. «Auch in den Entwicklungsländern haben Sie mittlerweile flächendeckende Mobilfunknetze, selbst im afrikanischen Busch haben Sie Abdeckung», sagt Mansmann. Für den normalen Handynutzer seien die klobigen Geräte mit der schlechteren Sprachqualität irrelevant, wenn er «nicht gerade auf den Spuren von Rüdiger Nehberg wandelt».

Wer aber dennoch aufgrund von Abenteuerlust oder notgedrungen in eines der oben genannten Anwenderszenarien gerät, greift meist auf die Infrastruktur der beiden großen Systeme Iridium und Inmarsat zurück. Laut Därr verspricht aber nur Iridium eine weltweite Abdeckung. Kleinere Systeme heißen Thuraya oder Globalstar. «Bei Inmarsat erfolgt die Kommunikation über geostationäre Satelliten, Iridium arbeitet mit wesentlich niedriger fliegenden Satelliten», sagt Mansmann. Wichtig ist der Sichtkontakt zum Trabanten. «Wenn Sie am Boden des Grand Canyon stehen, kriegen Sie ein Problem. Und im Amazonasdschungel könnte es sein, dass Sie für den Empfang auf einen Baum klettern müssen.» Für richtige Abenteuer dürfte das alles kein Problem sein.

Ebenso dürften die hohen Gebühren nur ein weiterer Posten einer kostenintensiven Expedition sein. War das Telefonieren via Satellit vor Jahren noch ein ultrateures Unterfangen, sind wie im Mobilfunk die Preise gefallen. Die Minute von einem Inmarsat-Telefon ins Festnetz schlägt mit 80 Cent, in ein Handynetz mit 96 Cent zu Buche, wie Därr sagt. Für Iridium-Telefonate fielen 1,30 Euro beziehungsweise 1,40 Euro an. Im Thuraya-Netz, das Europa, Afrika, weite Teile Asiens, Australien, nicht aber Nord- und Südamerika abdecke, seien je nach Prepaid-Tarif 75 Cent bis 1,50 Euro zu zahlen. Gegenüber mancher Roaming-Gebühr im Mobilfunkbereich kann das nach Auskunft von Betreibern sogar die günstigere Alternative sein.

Kontakte von einem Satellitennetz ins andere sind laut Därr per Faustregel um den Faktor vier teurer. Kosten von über sechs Euro die Minute sind dann keine Seltenheit. Noch teurer wird es für Fernsehfunkanstalten, die die Technik mitunter für ihre «Schalten» nutzen: Bei festen Datenraten von beispielsweise 256 Kilobit pro Sekunde (kbit/s) kommen schnell über 15 Euro die Minute zusammen.

Dass vom Mobilfunk bekannte Modell des Festvertrages mit monatlicher Grundgebühr lohnt wegen der hohen Kosten nur bei professioneller Nutzung. Hinzu kommt der Anschaffungspreis der Endgeräte von mindestens 599 Euro (Thuraya). Iridium- oder Inmarsat-Geräte kosten rund 1500 Euro – immerhin hätten diese mittlerweile «annähernd Handygröße» erreicht, sagt Därr. Für sporadisch Reisende ist der Kauf wirtschaftlicher Unsinn. «Erst ab dreimonatiger Nutzung im Jahr lohnt der Kauf.»

Aus diesem Grund setzt der Geschäftsmann auf die Vermietung von Expeditionstechnik, zu der die Sat-Telefone gehören. Wer acht Wochen mit dem Kajak durch die Wildnis paddelt, zahlt bei Därr 330 Euro für ein Iridium-Gerät und Verbindungsgebühren von 1,50 Euro/Minute. Im australischen Outback täte es ein Thuraya-Gerät, das mit monatlich 120 Euro und 1,15 Euro pro Gesprächseinheit in der Liste steht. Hinzu kommen Leihgebühren für eine Ladeeinheit mit Solarzellen oder das Autokit.

«Das ist ein sehr kostbares Gut», sagt Mansmann über die Satellitentelefonie, wobei er weniger auf die Kosten für den Endverbraucher als auf technische Einschränkungen abstellt. Insgesamt seien die Frequenz-Kapazitäten nicht beliebig ausbaubar. Richtig teuer werde die Sache für den Endverbraucher aber erst durch die Satelliten selbst und deren Transport in die Umlaufbahnen. Doch der Anruf aus der Wildnis kann Gold wert sein – als Lebenszeichen für die Großmutter oder wirklicher Notruf von hoher See.

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tf/mei/ddp

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