[Medien] [Feature] Boulevard-Blätter: Zeitungskrieg in Berlin zwischen «B.Z.» und «Kurier»

14. April 2010 | by TechFieber.de

X In zwei Hochhäusern im alten West-Berliner Zeitungsviertel in Kreuzberg und am Alexanderplatz in Mitte werden gerade die letzten Details geklärt. Mitarbeiter der Axel Springer AG telefonieren mit den Kollegen ihres Berliner Boulevardblattes «B.Z.», das im Neuen Kranzler Eck am Kurfürstendamm residiert. Zeitgleich lässt die Redaktion des «Berliner Kuriers» die Drähte gar bis nach Köln glühen, um Printauflage, Preise und Inhalte abzusprechen.

Am Dienstag war bekanntgeworden, dass Springer ab Montag (19. April) in den drei Ost-Berliner Stadtteilen Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf neben dem Stammtitel «B.Z.» auch eine abgespeckte Version herausbringt. Die mit «B.Z. am Abend» betitelte Ausgabe soll 40 Cent kosten. Bei Springer ist beschwichtigend von einem zeitlich noch nicht festgelegten Markttest die Rede, der auf das Gebiet begrenzt bleiben soll. Inhaltlich enthält das Blatt Artikel aus der großen «B.Z.».

Beim «Berliner Kurier», dem Konkurrenzblatt aus dem Ostteil der Stadt, war die Aufregung groß, von einem «hochaggressiven Angriff» war die Rede, auf den die Verlagsspitze – der «Kurier» erscheint im Berliner Verlag, der wiederum der Kölner Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg gehört – reagieren werde.

Auf Anfrage versendet der Kölner Verlag am Mittwoch ein Statement seines Vorstands Konstantin Neven DuMont. «Wir können die Strategie des Axel Springer Verlages nicht nachvollziehen», heißt es dort. Springer-Vorstand Mathias Döpfner proklamiere «die publizistische Notwendigkeit, zukünftig im digitalen Bereich Inhalte an die Nutzer zu verkaufen, andererseits soll nun eine Tageszeitung mit einem 33-prozentigen Preisnachlass angeboten werden».

Weiter heißt es: «Wir glauben nicht, dass der Axel Springer Verlag damit Erfolg haben wird. Im Zweifel werden auf beiden Seiten unnötige Ressourcen verschwendet.» Den Konkurrenten einfach machen lassen und das von ihm prognostizierte Scheitern genüsslich abzuwarten, ist Neven DuMont aber auch nicht geheuer. Deshalb kündigt er an: «Da uns diese Auseinandersetzung aufgezwungen wird, werden wir zeitnah mit einer interessanten Zeitung in den West-Berliner Markt gehen.» Start am Kiosk: 26. April.

Der westdeutsche Besitzer der Ost-Berliner Boulevardzeitung will zurückschlagen – mit einer «interessanten Zeitung». Der Ankündigung wohnt nicht etwa die Kritik inne, dass der «Kurier» für den gemeinen Wessi nicht interessant genug wäre. Der Inhalt des Blattes ist in diesem Scharmützel zweitrangig, neue Käuferschichten sollen sich zuerst für den Preis interessieren. Voraussichtlich 40 Cent und damit ebenso viel wie die «B.Z. am Abend» soll die Revanche kosten, die in der Kölner Tradition schlicht «Express» heißen wird.

«Kurier»-Chefredakteur Hans-Peter Buschheuer gibt sich angriffslustig, wenngleich er die finanziellen «Ressourcen, die verschwendet» und an anderer Stelle – etwa zum Ausbau des Onlinebereichs – notwendig wären, als «schmerzlich» bezeichnet. Schmerzhaft dürfte auch die Aussicht auf die von Buschheuer als «Kollateralschaden» bezeichnete Folge sein, dass der «Express» seinem 15 Cent teureren Mutterblatt «Kurier» Käufer streitig machen wird. Anders als die abgespeckte «B.Z.», die 20 Cent unter ihrem Stammblatt liegt, soll der «Express» eine vollwertige Zeitung sein und mindestens 28 Seiten umfassen – wie an nachrichtenschwachen Tagen mitunter auch der «Kurier».

Auf den ersten Blick könnte es wirken, als wollten die Konkurrenten mit den Billigblättern neue regionale Märkte erschließen und im Gehege des anderen wildern – die «B.Z.» im Ostteil und der «Kurier» im Westteil der Stadt. Beide Blätter erscheinen allerdings seit der Wende auch in beiden Teilen der Stadt, die aber am Kiosk durchaus noch eine geteilte ist: Der boulevardinteressierte Wessi greift auch 20 Jahre nach dem Mauerfall lieber zu «B.Z.», der Ost-Berliner liest lieber «Kurier».

Während sich Springer – zumindest vorerst – auf die drei Großsiedlungen im Nordosten konzentriert, geht der «Kurier» weiter: Sein «Express» werde «flächendeckend in West-Berlin» auf den Markt kommen, sagt Buschheuer, «es wird keiner daran vorbeikommen».

Die Kampfansage ist auch Reaktion auf die am Alexanderplatz als Provokation empfundene Namensgebung des Springer-Titels: Vor der Wende hieß der «Berliner Kurier» nämlich «BZ am Abend». Die Namensrechte gingen nach der Wende an Springer. «Hier wird den über 40-Jährigen nicht juristisch, aber ideell widerrechtlich vorgespielt, dass es ein authentisches Produkt aus dem Osten ist», sagt Buschheuer. «Das ist wie Falschgeld!»

tf/mei/ddp

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