Killerspiele: Sachsen-Anhalt plant Vorstoß zur Verschärfung des Jugendschutzes

8. Mai 2009 | by Alex Reiger

Magdeburg (AP) Auf dem Bildschirm spritzt das Blut. Der Spieler hat die Aufgabe, mit Maschinengewehren oder Molotow-Cocktails so viele Menschen wie möglich dahinzumetzeln. Mit jedem Opfer steigt sein Punktekonto, für Polizisten gibt es mehr Punkte. Das Spiel heißt «GTA IV» und ist in jedem Geschäft erhältlich, das Computerspiele führt. Eine Umfrage unter Zehnjährigen ergab, dass es für jeden zehnten Jungen das Lieblingsspiel ist. «GTA IV»
darf zwar erst ab 18 verkauft werden, aber im Handel wird selten auf die Altersfreigabe geachtet. Und unter den Jugendlichen verbreiten sich solche Spiele ohnehin wie von allein. Die Justizministerin von Sachsen-Anhalt, Angela Kolb (SPD), will sich nun für einen stärkeren Jugendschutz bei Computerspielen stark machen. Sie lobt zwar den Jugendschutz in Deutschland, bemängelt aber das gängige Verfahren bei der Vergabe von Altersfreigaben für Computerspiele. Die Freigabe wird von den Herstellern der Spiele bei der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) beantragt. Der Staat hat seine Aufgabe an diesen Beirat delegiert, der sich unter anderem aus Vertretern des Jugendschutzes, aus Medienexperten, aber auch aus Vertretern der Softwareindustrie zusammensetzt. Tester spielen die vorgelegten Spiele und geben eine Empfehlung an den Beirat. «Ich habe das Gefühl, dass dem Jugendschutz dabei nicht die Rolle zukommt, die er einnehmen müsste», sagt Kolb. Das Problem: Hat ein Spiel erst einmal eine Altersfreigabe, so kommt das einem Persilschein für den Vertreiber gleich. Dann hat die Bundesprüfstelle für Jugendschutz keine Chance mehr, einzuschreiten und das Spiel vom Markt zu nehmen, es auf den Index zu setzen. Dieses Schicksal, das den Herstellern Vertrieb und Werbung verbietet, widerfährt nur wenigen Spielen. Und in einem solchem Fall hat er dann umfangreiche Einspruchsrechte. Zwtl: Besorgniserregende Entwicklung Kolb sieht aber in jüngster Zeit eine besorgniserregende Entwicklung bei der Nutzung der Medien: «Wir brauchen eine stärkere Auseinandersetzung damit in der Gesellschaft, auch in der Schule, unter den Eltern. Und ein strengeres Zulassungsverfahren.» Im vergangenen Jahr wurde für 3.000 Computerspiele eine Zulassung beantragt. Die USK verfügt über 50 Tester, die für jedes Spiel fünf bis zehn Tage Zeit haben. «Bedenkt man, dass ein geübter Spieler 70 bis 100 Stunden an einem Computerspiel sitzt, so kann man sich vorstellen, dass den Testern gar nicht genügend Zeit für ein Spiel bleibt», kritisiert Kolb. Je höher das Level, desto stärker wird aber meistens die Gewalt. Zwtl: Fragebögen über Inhalte und Gewaltszenen Die Justizministerin könnte sich vorstellen, dass die Softwarehersteller stärker in die Pflicht genommen werden. Sie sollen, so stellt sich Kolb vor, Fragebögen ausfüllen, in denen sie Auskunft über den Inhalt des Spiels geben, seine Handlung, seine Aufgaben und auch über gewalttätige Szenen. So könnten die Tester gezielter suchen und auch die Gutachter besser entscheiden. Das wird so in mehreren Ländern und auch auf europäischer Ebene bereits praktiziert. In Deutschland dagegen wird von den Herstellern nur das Spiel zur Verfügung gestellt und eine Gebühr bezahlt. Außerdem müsse es für die Tester realistischere Zeitvorgaben geben, die eine Prüfung der Spiele auf Gewalt und Jugendgefährdung ermöglichen. Kolb plant einen Vorstoß in Richtung Verschärfung des Jugendschutzes und will nun die Jugendminister für ihr Anliegen gewinnen, denen der Jugendschutz eigentlich obliegt. «Die Justiz kommt erst am Ende», sagt die Ministerin. «Wenn wir aber dort kein Gehör finden sollten, werde ich das Thema in die Justizministerkonferenz einbringen.

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Comment (1)

  1. Diese Diskussion um „Killerspiele“ ist zwar ein gutes Beispiel für die Augenwischerei, mit der Politiker von den tatsächlichen Problemen ablenken, aber ich denke mal, da steckt noch etwas anderes dahinter. Wenn man hört, dass Zocker-Kids etwa zwei bis drei Stunden am Tag zocken, wird auch klar, dass sie entsprechend weniger Fernsehen gucken.
    Wenn sich das bei Firmen rumspricht, die Fernsehwerbung für Kids platzieren, weil sie Produkt für diese Zielgruppe haben, könnte das eine kleine Katastrophe für die Fernsehsender sein: „Fernsehwerbung? Nee, machen wir nicht mehr, unsere Zielgruppe hockt doch eh‘ nur vorm Compi, die erreichen wir so nicht mehr.“

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