Sterbehilfe fürs DRM: Apple schafft Musik-Kopierschutz ab

11. Januar 2009 | by Jochen Siegle

apple keynote macworld 2009 phil schiller new macbook pro 17 inchDer sonst stets so innovative US-Computerkonzern Apple enttäuschte seine Fans diese Woche anlässlich der „Macworld“ in San Francisco. Immerhin: In Sachen Online-Musik-Kopierschutz bahnt Apple eine kleine Revolution an.

Seit dieser Woche ist es amtlich: Das DRM, sprich der Kopierschutz für digitale Musik ist gescheitert. Apple-Marketingchef Phil Schiller hat auf der „Macworld“ angekündigt, ab April 2009 alle Songs im hauseigenen Internet-Musikladen, dem iTunes Store, ohne Kopierschutz anzubieten. Dieser Schritt markiert quasi den Todesstoß für das Digitale Rechtemanagement (DRM), sprich den Verfahren, mit denen die Nutzung und Verbreitung digitaler Medien kontrolliert werden soll. Denn: Apple ist mit seinem iTunes Store schließlich der weltweit größte Digital-Musikhändler. Laut Schiller zählt der Webladen mittlerweile 75 Millionen Kunden, die seit 2003 sechs Milliarden digitalisierte Musikstücke heruntergeladen haben.

Die Lockerung der – viel kritisierten, da kaum benutzerfreundlichen – digitalen Fußfesseln wird nun möglich, da sich Apple nach jahrelangem Gerangel mit drei der vier größten Plattenlabels, namentlich Warner Music, Universal sowie Sony BMG, einigen konnte. Bislang durften Songs dieser Unterhaltungsfirmen aufgrund des DRM-Schutzes nur auf einer beschränkten Anzahl von Computern abgespielt werden. Das vierte bedeutende Label, EMI, vertreibt bereits seit 2007 DRM-freie Musik über den Apple-Web-Shop.

Wie nun diese Woche in Kalifornien angekündigt, können ab Frühjahr alle Titel aus dem iTunes-Repertoire (im sogenannten AAC-Format codiert) wie ungeschützte MP3-Dateien behandelt werden. Das heißt: Ohne Kopierschutz können die elektronischen Songs künftig wesentlich einfacher auf andere Geräte übertragen werden. Neben einer unbegrenzten Anzahl von PCs und Mobiltelefonen kommen hierbei insbesondere auch MP3-Player anderer Fabrikate in Betracht. Bis dato war das Gros der Lieder, die bei iTunes verkauft werden, nur auf Apples iPod abspielbar.
Bedeutend ist außerdem, dass die DRM-Freiheit auch rückwirkend wirkt: Musikfans die in der Vergangenheit geschützte Musikstücke via iTunes erworben haben, können für jeweils 30 Cent ihre Stücke von der elektronischen Kopiersicherung „freikaufen“.

Die Lockerung der DRM-Zügel erfolgt vor dem Hintergrund, dass einerseits die Entertainmentindustrie angesichts immer weiter einbrechender Verkaufszahlen eingesehen hat, dass die restriktiven Nutzungsrechte für die iTunes-Musik einer Gängelei der Kunden gleichen und als Verkaufsbremse für den Verkauf von Musik über das Netz wirken. Andererseits forderten die Musikmanager schon seit langem, ihre Songs zu variableren Preisen über den weltgrößten Web-Musikladen anbieten zu können. Apple wollte dagegen am Einheitspreismodell von 99 Cent pro Titel festhalten.
Im Zuge der Einigung ist Apple nun den Labels entgegengekommen. Künftig werden Digi-Musiktitel für 69 Cent, 99 Cent oder 1,29 Euro angeboten. Das dreistufige Preismodell soll der Musikindustrie dabei helfen, Songs flexibler vermarkten zu können. So sollen etwa ältere Titel billiger angeboten werden können als aktuelle oder besonders populäre Stücke.
Apple-Marketing-Guru Schiller zufolge sollen rund acht Millionen DRM-freie Musikstücke der großen Labels über den Apple-E-Shop angeboten werden; demnächst seien gar zehn Millionen ungeschützte Songs verfügbar.

Firmengründer und CEO Steve Jobs blieb der Macworld dieses Jahr fern und überließ die traditionell bedeutende Eröffnungsrede Schiller – seit Monaten wird über den Gesundheitszustand des Apple-Impresarios spekuliert (siehe Kasten). Nichtsdestotrotz ist die jüngste Entwicklung im Online-Musikmarkt und die DRM-Öffnung eindeutig Jobs zuzuschreiben; vergangenes Frühjahr kritisierte er die Labels massiv öffentlich für deren Kopierschutzpolitik.
Der mit exzellenten Kontakten in der Unterhaltungsindustrie ausgestattete Jobs gilt unumstritten als Wegbereiter des kommerziellen Zeitalters der Digital-Musik. Vor sechs Jahren schaffte es der Kalifornier als erster Techunternehmer mit dem Start des iTunes Stores die Musikindustrie auf Online-Kurs zu trimmen. Aus Furcht vor Urheberrechtsverletzungen hatte die Branche jahrelang die digitale Distribution gefürchtet.
Mittlerweile dominiert Apples iTunes Store mit 70 Prozent Marktanteil den digitalen Musikmarkt. In den USA ist iTunes seit letztem Frühjahr – vor Einzelhandelsriese Walmart – der größte Musikhändler des Landes. Die Verkäufe von physischen CDs gingen dagegen im Jahr 2008 um 20 Prozent zurück.

Steve Jobs: Gesundheitszustand erregt die Gemüter

Keine Frage, die Gesundheit eines Menschen ist Privatsache. Dennoch diskutieren und spekulieren Apple-Affinados, Investoren und Medienvertreter in aller Welt seit Monaten über den Gesundheitszustand von Apple-CEO Steve Jobs. Vergangenen Herbst hatte die US-Nachrichtenagentur Bloomberg sogar versehentlich einen Nachruf auf den Silicon-Valley-Pionier veröffentlicht. „Die Berichte über meinen Tod sind reichlich übertrieben“, scherzte der Apple-Chef bei einem Medienevent im September. Zuvor hatten Gerüchte die Runde gemacht, Jobs sei erneut schwer erkrankt. Der 53-Jährige, der seit seiner Rückkehr zu Apple Ende der neunziger Jahren als zentraler Denker und Lenker des Konzerns gilt, war 2004 wegen Bauchspeicheldrüsenkrebs operiert worden.
Um weiteren Spekulationen zuvorzukommen, hatte Jobs unmittelbar vor der Macworld erklärt, er habe aufgrund einer Hormonstörung in den letzten Monaten ordentlich Gewicht verloren.

Jochen Siegle, NZZ am Sonntag, 11. Januar 2009

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