HIGHTECH-AUTOS: Die Unfallgefahr fährt mit

2. Januar 2003 | by TechFieber.de

Der fortschreitenden Miniaturisierung sei Dank entwickeln sich PKWs mehr und mehr zu rollenden Büros und mobilen Boomboxen. Das erhöht jedoch nicht nur die Produktivität und den Unterhaltungswert im Auto, sondern auch die Unfallgefahr.

Arby Tech: Innenraum-Tuning bis zur Reizüberflutungs-Schwelle

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GPS-Kartensystem, CD-Wechsler, DVD-Player, Funk-Internet, „SkyFi“-XM-Satellitenradio, Armaturenbrett-TV, integrierter Handheld-PC, Fax, Radar-Warner mit „360-Grad-Schutz“, Videospielekonsole und Boomboxen im Fond – die Liste der Hightech-Geräte an Bord moderner PKWs ließe sich beliebig fortsetzen. Selbst „In-Car“-Karaoke-Systeme sind mittlerweile zu haben.

Autobegeisterte Tech-Freaks mögen angesichts dieses Fahrzeugzubehörs mit der Zunge schnalzen. Doch was zu viel ist, ist zu viel, sagen nicht nur immer mehr Verkehrssicherheitsexperten. Der fortschreitenden Miniaturisierung sei Dank stellt sich längst nicht mehr die Frage, welche elektronischen Geräte sich in ein Auto einbauen lassen, sondern wo die Grenzen der Hightech-Schlitten liegen: in der Verkehrssicherheit.

„Je mehr technische Geräte in ein Auto eingebaut sind, desto höher ist die Ablenkungsgefahr“, meint auch Ron Kipling, Experte für „menschliche Faktoren“ und Verkehrssicherheit am Virginia Tech Transportation Institute. „Und je mehr man sich darauf konzentrieren muss, ein Gerät zu bedienen, desto größer ist die Unfallgefahr.“

Eine Erkenntnis, die zweifelsohne genauso von einem Fachmann des deutschen TÜV stammen könnte. Doch in den USA liegen die Dinge mal wieder etwas anders – hier ist man gleichzeitig Vorreiter und Negativbeispiel. Beispiel „Video on Bord“: In den Staaten erfreuen sich TV-Screens im Fond, etwa in Nackenstützen oder am Wagenhimmel montiert, immer größerer Beliebtheit.

Aber längst nicht nur dort. In US-Fahrzeugen sind auch Bildschirme auf Armaturenbrettern längst keine Seltenheit mehr. Und gesetzlichen Verboten zum Trotz wird auf amerikanischen Straßen immer öfter während der Fahrt geglotzt. Davon kann man sich nicht nur auf amerikanischen Highways vergewissern, sondern auch in Foren der amerikanischen National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA).

Rollende Boomboxen und Web-Autos

Und der automobile Hightech- und Entertainment-Trend ist weiter auf dem Vormarsch. Werden Videosysteme für PKWs bislang noch als Option angeboten, sollen Experten zufolge TV-Screens und PC-Monitore bald so gängig sein wie CD-Player heute.

Insbesondere die Hersteller von familienkompatiblen Minivans oder „SUVs“ ködern immer mehr Kunden mit „In-Car-Entertainment“, damit etwa nöhlige Kinder auf der Rückbank auf Urlaubsreisen bei Laune gehalten
ZUM THEMA IM INTERNET
National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA)
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werden. Andererseits umwerben Hersteller wie Honda und Toyota mit aufgemotzten rollenden Stereo-TV-Anlagen wie dem „Element“ (Honda) oder dem „Scion BBX“ (Toyota) – BBX steht für „Boombox“ – die ebenso techverliebte wie konsumverwöhnte Generation Y. „Dashboard-Entertainment-Systeme“ verstehen sich inklusive, DVD-Player gibt es gegen Aufpreis.

Dass auch Online-Autos bald in Serie gehen werden, ist nur noch eine Frage der Zeit. Verschiedene Hersteller haben bereits Prototypen präsentiert. So beispielsweise Chrysler mit dem Jeep Commander – die Laptop-Tastatur kann hier in der Mittelkonsole versenkt werden. Mercedes bietet ab Januar etwa ein „Online Package“ für seine A-Klasse an, welches unterwegs den Zugang zu E-Mails und WWW via Pocket-PC ermöglicht.

Aber auch der Autozubehörhandel samt Elektronikdiscountern setzt mehr und mehr auf Hightech-Systeme in PKWs. Bei US-Einzelhändlern wie Best Buy oder Target sind DVD-Nachrüstsets zum Aufstecken auf die Mittelkonsole oder Einbau-TV-Geräte fürs Armaturenbrett, etwa von RCA, Sony oder Emerson, schon für einige hundert US-Dollar zu haben.

Toyota Scion: „Nicht einfach ein Auto“…

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Tech-Autozubehörmarkt floriert

War vor wenigen Jahren Entertainment im Auto noch gleichbedeutend mit einem schicken Kassettenradio, hat sich die Branche längst zu einer Milliardenindustrie gemausert, die auch für den Unterhaltungselektronikmarkt immer bedeutender wird. Die Marktforscher der Consumer Electronics Association (CEA) schätzen die Umsätze alleine für Nachrüstgeräte im abgelaufenen Jahr auf knapp 550 Millionen US-Dollar. Davon soll jedes dritte System mit CD- oder DVD-Player und Armaturenbrett-Monitor ausgestattet gewesen sein.

Dazu gesellt sich eine stetig wachsende Zahl von „Do-it-Yourself“-Hightech-Auto-Fetischisten, die in Eigenarbeit ihre vernetzten Kisten mit neuesten PC- und Internet-Technologien ausstatten. Webseiten wie MP3Car.com, Arbytech.com oder RyansPC.com dokumentieren mehrere hundert Modelle Marke Eigenbau und dienen der Online-Auto-Subkultur etwa dem Erfahrungsaustausch bei der WLAN-Anbindung des PKWs oder der Integration ausrangierter Laptops in die Mittelkonsole.

Hightech statt Spoiler

Doch ganz egal ob Unterhaltungs- oder „Mobile-Office“-basiert, Hightech im Auto ist nicht nur ultracool, sondern auch ultragefährlich. Die Fachleute der NHTSA führen jeden vierten polizeilich registrierten Verkehrsunfall auf „Ablenkungen“ des Fahrers zurück – dass Techgeräte hinterm Steuer in diese Kategorie fallen, versteht sich von selbst.

…sondern auch ein rollendes Entertainment-Center?
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…sondern auch ein rollendes Entertainment-Center?

...sondern auch ein rollendes Entertainment-Center?
Studien haben mehrfach gezeigt, dass bereits das Telefonieren am Steuer die Reaktionszeit bedeutend beeinträchtigt. Nichts anderes muss für E-Mail-Checken oder Websurfen während der Fahrt gelten – selbst bei sprachgesteuerten Geräten: Untersuchungen der University of Iowa haben belegt, dass sprachbasierte E-Mail-Systeme die Reaktionszeit des Fahrers um bis zu 30 Prozent verschlechtern können.

Mit immer mehr Hightech im Auto muss die Unfallgefahr also zwangsläufig zunehmen. Und das beunruhigt inzwischen Industrievertreter ebenso wie Verkehrsteilnehmer. In den USA fordert daher nun die CEA, Negativeinflüsse von elektronischen Geräten auf das Fahrverhalten genauestens zu analysieren. Zudem erarbeitet die mächtige Alliance of Automobile Manufacturers (AAM) Richtlinien für vernünftige Auto-Gerätedesigns und deren Installation.

Bitte eine Hand am Lenkrad!

Die Guidelines beinhalten etwa die Forderung, dass Geräte mit „minimalster Aufmerksamkeit“ und auch nur mit einer Hand bedient werden können. Obwohl dies absurd trivial klingen mag, gibt es Zubehörfirmen, die sich scheinbar kaum um die Sicherheit ihrer Kunden scheren – was auf der letzten CEA-Konferenz in San Francisco ebenso AAM-Vertreter wie unabhängige Verkehrssicherheitsexperten bestätigten: Bislang werden nur die wenigsten Geräte auf dem Markt diesen Minimalstandards gerecht.

„Die Hersteller müssen die Verantwortung für den Einsatz ihrer Produkte in Automobilen übernehmen“, forderte daher Ricardo Martinez, ehemaliger NHTSA-Chef und nun Präsident von Safety Intelligence Systems. „Sie müssen zur Lösung der Sicherheitsprobleme beitragen und dürfen nicht selbst Teil des Problems sein.“

Bis eindeutige Richtlinien erarbeitet sind, hilft nur der Selbstschutz. Auch einige amerikanische Händler unterstützen dieses Prinzip und installieren nur Armaturenbrett-Monitore, die sich automatisch abschalten, sobald die Feststellbremse gelöst wird.

Jochen A. Siegle, Spiegel Online, 02.01.2003

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